Freitag, 6. März 2026

Was machen PISA-Sieger anders?

In diesem Interview beleuchtet der Lehrer und Bildungsjournalist Alexander Brand die Erfolgsfaktoren führender Schulsysteme aus Finnland, Estland, Japan und Singapur. Basierend auf seiner mehrmonatigen Hospitation an rund 30 Schulen erklärt er, dass gezielte Förderung ohne Diagnosen und hohe Leistungserwartungen entscheidend für den Lernerfolg sind. Während er die Digitalisierung in Estland als Mittel zum Zweck beschreibt, warnt er am Beispiel Finnlands vor einer Überbetonung offener Lernlandschaften ohne ausreichendes Fachwissen. Ein zentraler Aspekt ist zudem die Professionalisierung der Lehrkräfte in Singapur durch intensive Teamarbeit und didaktischen Austausch. Brand plädiert abschließend dafür, in Deutschland die frühzeitige Diagnostik zu stärken und die Unterrichtsqualität konsequent an wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten.

     

In den untersuchten Ländern Finnland, Estland, Japan und Singapur lassen sich verschiedene Erfolgsfaktoren identifizieren, die diese Bildungssysteme von dem deutschen unterscheiden, aber auch spezifische Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind.
Erfolgsfaktoren der Bildungssysteme
  • Finnland: Frühe und flexible Förderung Der größte Erfolg Finnlands liegt in einem mehrstufigen Unterstützungssystem, das bereits in der ersten Klasse ansetzt. Schüler erhalten ohne medizinische Diagnose Kleingruppenförderung oder Einzelunterricht, um Lernlücken sofort zu schließen. Dabei begleiten Sonderpädagogen die Kinder oft über mehrere Jahre, was zu einer stabilen Lernbeziehung führt.
  • Estland: Hohe Erwartungen und gezielte digitale Bildung Estland setzt auf den sogenannten Pygmalion-Effekt: Lehrkräfte trauen allen Schülern hohe Leistungen zu, anstatt bei Schwächen das Anforderungsniveau zu senken. Differenziert wird nicht über einfachere Aufgaben, sondern über den Grad der Unterstützung, etwa durch wöchentliche Sprechstunden. Zudem werden digitale Kompetenzen explizit und früh gelehrt (z. B. Robotik in der Kita), während die tatsächliche Bildschirmzeit im Fachunterricht bewusst niedrig gehalten wird.
  • Japan: Durchhaltevermögen und kognitive Herausforderung In Japan spielt die kulturelle Tugend des Durchhaltevermögens („Ganbaru“) eine zentrale Rolle. Lehrkräfte fordern Schüler kognitiv stark heraus; so sind in Japan 53 % der Mathestunden hoch anspruchsvoll, während dies in Deutschland nur auf 12 % zutrifft. Fehler werden nicht sofort korrigiert, sondern die Schüler werden ermutigt, es so lange selbst zu versuchen, bis sie die richtige Lösung finden.
  • Singapur: Professionalisierung der Lehrkräfte und Diagnostik Singapur besticht durch eine extreme Teamorientierung der Lehrkräfte. In wöchentlichen Arbeitsgruppen („Professional Learning Communities“) planen sie Unterricht bis ins kleinste Detail gemeinsam. Zudem werden bereits zum Schulstart systematische Diagnosetests durchgeführt, um basale Defizite in Mathe oder der Unterrichtssprache sofort durch gezielte Förderung auszugleichen.
Probleme und Herausforderungen
Trotz dieser Erfolge stehen die Länder vor deutlichen Problemen:
  • Finnlands PISA-Absturz: Finnland verzeichnete in den letzten 20 Jahren einen starken Leistungsabfall. Als Ursachen werden ein Lehrplan gesehen, der Fachwissen zugunsten von „Zukunftskompetenzen“ und Projektunterricht zu stark vernachlässigte, was zu einem Sinken des Anforderungsniveaus führte.
  • Offene Lernlandschaften: Die Einführung offener Schulgebäude ohne feste Klassenzimmer führte in Finnland zu massiven Problemen mit Lärm und Ablenkung. Viele Schulen kehren nun zu traditionellen Strukturen und Schulbüchern zurück, da insbesondere schwächere Schüler in unstrukturierten Umgebungen scheitern.
  • Gesellschaftlicher Wandel: In Finnland hat sich die kollektive Arbeitsmoral hin zu einer individuellen Motivation gewandelt, und die starke Fokussierung auf Digitalisierung wird mit psychischen Problemen bei Jugendlichen in Verbindung gebracht.
  • Digitale Ablenkung: International, auch in Estland, wird das hohe Ablenkungspotenzial digitaler Geräte kritisch gesehen. Studien zeigen, dass eine zu häufige Nutzung digitaler Medien (über drei Stunden täglich) die Lernergebnisse eher verschlechtert.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erfolg dieser Länder oft auf einer gezielten frühen Förderung und hohen fachlichen Ansprüchen basiert, während Deutschland mit einer starken Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Elternhaus kämpft.

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