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Montag, 26. Januar 2026

Nachwuchsprobleme - "Es gibt ein Problem der Bildungsniveaus."

Die Berliner Polizei hat größere Probleme bei der Suche nach genug Nachwuchs - und leidet dabei besonders unter den schlechten Deutschkenntnissen der Bewerber. «Wir haben ein ganz erhebliches Problem der Deutschkenntnisse, ganz unabhängig von Nationalitäten», sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. 

Freitag, 16. Januar 2026

Wieder müssen Unternehmen die Bildungspolitik reparieren

Seit Jahren klagen Unternehmen darüber, dass sie Auszubildenden Grundlagen beibringen müssen, die früher selbstverständlich waren. Lesen, Schreiben, Rechnen. Das alles wird zunehmend zur Aufgabe der Betriebe. 
Niedersachsen liefert nun ein weiteres Beispiel dafür, wie die Wirtschaft zum Reparaturbetrieb einer verkorksten Bildungspolitik gemacht wird. Dort sollen Grundschüler künftig schriftliches Dividieren nicht mehr lernen, das Rechnen mit Kommazahlen entfällt weitgehend. Nur beim Umgang mit Geld macht man eine Ausnahme. Das Ministerium verkauft das als pädagogische Entlastung. In Wahrheit ist es ein weiteres Absenken von Leistungsstandards. Statt die Ursachen von Lernschwierigkeiten anzugehen, senkt man die Anforderungen. 

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Arbeitgeber wollen Daten zu Schulleistungen erfassen lassen

Vor dem Beginn der Bildungsministerkonferenz (BMK), die an diesem Donnerstag in Berlin tagt, haben die Arbeitgeber die konsequente Erhebung und Nutzung von Bildungsdaten gefordert. In einem Positionspapier der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), das dem Handelsblatt vorliegt, heißt es: „Lehrkräfte brauchen Informationen zum individuellen Förderbedarf, Schulleitungen brauchen sie zur Gesamtentwicklung der Schulqualität und die Bildungspolitik zur Wirksamkeit von Maßnahmen.“ Der Vorschlag der Arbeitgeber: Die Ausgangslagen der Schülerinnen und Schüler sollen online erfasst werden. Eine moderne Lernmanagementsoftware wertet den Leistungsstand aus und zeigt den konkreten Förderbedarf auf. Im Idealfall schließen sich Angebote für Nachhilfe automatisch an. „Das Ausfüllen von Excel-Tabellen am Feierabend ist mit Datenerfassung nicht gemeint“, heißt es in dem BDA-Papier. 

Dienstag, 25. November 2025

Das Drama der arbeitslosen Jungakademiker

Schon seit Ewigkeiten geistert der Typus des arbeitslosen Akademikers als Taxifahrer mit Germanistik-Diplom durch die Medien. Es gibt ihn tatsächlich. Und nun schreckt die Bundesagentur für Arbeit mit der Nachricht auf, dass es in Deutschland einen Höchststand von 46.000 arbeitslosen Akademikern unter 30 Jahren gibt. Berufsanfänger mit frischem Bachelor finden keinen Job. Das ist noch keine Massenarbeitslosigkeit, aber trotzdem alarmierend.

Sonntag, 7. September 2025

132 von 240 Polizeischülern in Berlin müssen Deutschunterricht nehmen

Von 240 Nachwuchskräften der Berliner Polizei, die ihre Ausbildung im Frühjahr 2025 begonnen haben, benötigen 132 Deutsch-Förderunterricht. Das teilte die Berliner Polizei auf Anfrage von NIUS mit. Insgesamt benötigen somit 55 Prozent der beginnenden Polizeischüler eine Förderung in Deutsch. In der Regel sei der Bedarf an einer solchen Unterstützung im ersten Semester am höchsten, so die Polizei weiter. Der Anteil der Erstsemester, die entsprechende Nachhilfe benötigen, liege regelmäßig etwa bei 50 Prozent, verringere sich jedoch mit jedem Halbjahr.

Freitag, 22. August 2025

Dümmer, als die Polizei erlaubt: Deshalb fehlt es Berliner Ordnungshütern an Bewerbern

Diese Botschaft hat es in sich: Immer weniger junge Menschen wollen eine Ausbildung bei der Berliner Polizei beginnen. Und von denen, die es wollen, sind nicht wenige – etwas salopp gesagt – dümmer, als die Polizei erlaubt. Und das hat Gründe. Ein Fünftel der Ausbildungsplätze an der Polizeiakademie in Ruhleben bleibt in diesem Herbst leer. Auch an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR), wo der Polizeinachwuchs ab 1. Oktober ein Bachelor-Studium für Kommissar-Anwärter absolviert, sieht es düster aus. Dort gibt es 330 Plätze. Doch auch diese werden schon zum wiederholten Mal nicht vollständig besetzt, ist dort zu vernehmen. Die Zeiten, als der Polizeiberuf bei Berufswünschen auf Platz 1 der Rangliste stand (gleich über Journalist übrigens), sind schon eine Weile vorbei. 

Samstag, 2. August 2025

Kein Deutsch, kein Rechnen, keine Lust: So schlimm sind unsere Azubis!

In wenigen Tagen beginnt das neue Ausbildungsjahr und noch immer suchen tausende Jugendliche eine Azubi-Stelle. Die Zahl der begehrten Ausbildungsplätze sinkt, doch schuld daran ist nicht nur die schlechte Wirtschaftslage. Fast jeder zweite Betrieb (48 Prozent) konnte im letzten Ausbildungsjahr laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) in Berlin nicht alle Azubi-Stellen besetzen. Es gibt einfach zu wenige geeignete Bewerber! 

Montag, 7. Juli 2025

Studie: Betriebe fordern mehr Hilfen für leistungsschwache Azubis

Mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland wünscht sich externe, staatlich unterstützte Hilfsangebote für leistungsschwächere Auszubildende. Das geht aus einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) hervor, über die die "Rheinische Post" in ihrer Montagsausgabe berichtet. Das Kofa unterstützt im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Unternehmen dabei, Fachkräfte zu finden und zu qualifizieren. 

Sonntag, 1. Juni 2025

Durchgefallen im Diktat: Polizeibewerber in SH mit Schwächen

Wer sich in Schleswig-Holstein bei der Polizei bewirbt, muss unter anderem zeigen, dass er die deutsche Rechtschreibung beherrscht. Die Aufgabe: ein Diktat mit 240 Wörtern, bei dem maximal zehn Fehler gemacht werden dürfen. 240 Wörter - das sind ungefähr drei Absätze Text. Genau an dieser Aufgabe scheitern viele: In diesem Jahr fiel laut GdP jeder Zweite, der sich für den Mittleren Dienst beworben hat, durch. 2024 lag die Durchfallquote sogar bei gut 67 Prozent. 

Freitag, 25. April 2025

Studie: Mehr junge Leute haben keinen Berufsabschluss

Immer mehr junge Menschen in Deutschland haben keine Berufsausbildung. Die Zahl der 20- bis 34-Jährigen ohne Abschluss sei zwischen 2013 und 2024 um 460.000 auf 1,6 Millionen gestiegen, hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet. Zuerst hatte die „Süddeutsche Zeitung“ über die Studie berichtet. Damit erhöhte sich der Anteil an den nicht qualifizierten Erwerbspersonen in dem Zeitraum um drei Prozentpunkte auf 13 Prozent - pro Jahr durchschnittlich um 2,5 Prozent. 

Donnerstag, 10. April 2025

Isch geh Bulizei?...

Die Polizei Hamburg hat eine zentrale Änderung im Auswahlverfahren für angehende Polizisten beschlossen. Ein Schritt, der in den sozialen Netzwerken eine breite Debatte ausgelöst hat. Die Entscheidung betrifft ein zentrales Kriterium im Eignungstest der Polizei Hamburg. Nun wird er gestrichen, weil zu viele Kandidaten an dieser Hürde scheiterten. Offiziell heißt es, dass dadurch mehr qualifizierte Bewerber eine Chance erhalten sollen. Doch der Schritt polarisiert. 

Mittwoch, 9. April 2025

Zwischen Schule und Ausbildung: Ein teurer Reparaturbetrieb

Etwa 250.000 Jugendlichen gelingt jedes Jahr nach dem Ende der Schulzeit der Übergang in die berufliche Ausbildung nicht. Die meisten von ihnen landen im sogenannten Übergangssystem. Denn die fachlichen und überfachlichen Fähigkeiten haben in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen, das stellt auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz fest, die am Dienstag ihre Empfehlungen zur Sekundarstufe I veröffentlicht hat. Jugendliche im Übergangssystem beginnen ihre Ausbildung also mit erheblicher Verzögerung und sind in ihrer Berufswahl stark eingeschränkt. 

Donnerstag, 20. März 2025

Ex-Lehrerpräsident Kraus: „Wir haben unser Bildungssystem selbst kaputt gemacht“

Josef Kraus war 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er weiß um die Fehler im deutschen Bildungssystem und sagt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau: „Die Ansprüche sind stark gesunken.“ Das hänge auch mit falschen Schlüssen aus den Pisa-Studien zusammen. „Manche sind geradezu besoffen von Pisa-Ergebnissen“, sagt Kraus, der gerne auch vom „Pisa-Schwindel“ spricht und bei Jugendlichen einen „geografischen und historischen Analphabetismus“ beobachtet. Was meint er damit? 

Freitag, 27. Dezember 2024

Bildung in Deutschland: Eine Generation von Bildungsverlierern wächst heran

Immer mehr junge Menschen verlieren in Deutschland wegen schlechter Schul- oder fehlender Berufsabschlüsse den Anschluss an den Arbeitsmarkt. 12,8 Prozent der Jugendlichen hatten im Jahr 2023 höchstens einen Abschluss der Sekundarstufe eins, zeigt ein kurz vor Weihnachten veröffentlichter Bericht der EU-Kommission. Der Anteil lag deutlich höher als vor zehn Jahren (9,8 Prozent) und oberhalb des EU-Schnitts (9,5 Prozent). Der Anstieg deute auf eine „kritische Situation“ hin, heißt es in dem Bericht. 
Ein ähnlich dramatisches Bild zeigt der jüngste Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung: Demnach hatten 2018 14,4 Prozent der 20- bis 34-Jährigen keine abgeschlossene Berufsausbildung. Bis 2022 stieg der Anteil auf 19,1 Prozent, was 2,86 Millionen jungen Menschen entspricht. „Das ist ein erschreckender Anstieg“, sagt Ifo-Bildungsökonom Ludger Wößmann der F.A.Z.

Sonntag, 21. April 2024

Deutschland hat mehr Akademiker, aber auch einen Höchststand an jungen Menschen ohne Berufsabschluss

Das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs. Auf dem Bau und in der Gastronomie bleiben viele Lehrstellen unbesetzt. Der Fachkräftemangel in Deutschland wird sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen und wird zu einer entscheidenden Wachstumsbremse. Doch gleichzeitig nimmt seit dem Jahr 2015 die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss stetig zu. Im vergangenen Jahr lag sie auf einem Rekordhoch. Damit ist ein wachsender Teil junger Menschen abgehängt – ohne berufliche oder akademische Ausbildung. Deutschland nimmt bei dieser Negativentwicklung unter der OECD-Ländern eine Schlussposition ein. Dieser Trend ist sowohl für den Arbeitsmarkt als auch für die Gesellschaft hochproblematisch. Während die Arbeitslosenquote insgesamt im vergangenen Jahr bei rund 5,7 Prozent lag, waren es bei den Ungelernten fast 20 Prozent. Schon jetzt haben rund 70 Prozent der Langzeitarbeitslosen keine abgeschlossene Ausbildung. Etwa die Hälfte von ihnen sind Migranten.

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Die Bildungslücke wird größer

Es sind Zahlen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen wollen. Allein in Sachsen sind tausende Lehrstellen unbesetzt, bundesweit sind es mehr 30.000. Gleichzeitig gibt es immer mehr junge Erwachsene, die gar keinen Berufsabschluss haben. Lediglich 38 Prozent der Männer und Frauen zwischen 25 und 34 Jahren konnte im vergangenen Jahr einen solchen Abschluss vorweisen, ergibt die Auswertung der aktuellen OECD-Bildungsstudie. Noch 2015 waren es reichlich 50 Prozent. Welche beruflichen Pläne haben junge Leute heute? 

Dienstag, 12. September 2023

Akademikerschwemme, mehr Niedriggebildete – und die bedenkliche Lücke dazwischen

Deutschland ist OECD-weit fast das einzige Land, in dem die Zahl der jungen Menschen ohne höheren Schul- oder Berufsabschluss in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Gleichzeitig aber steigt die Zahl der Akademiker. Den klassischen Ausbildungsweg beschreiten hingegen immer weniger junge Leute – obwohl Deutschland mit der dualen Berufsausbildung nach wie vor einen großen Standortvorteil hat. Das sind einige der zentralen Befunde der Studie „Bildung auf einen Blick 2023“, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag vorgestellt hat. 

Mittwoch, 26. Juli 2023

Immer mehr Abiturienten unter Auszubildendenden

Immer mehr junge Menschen mit Abitur entscheiden sich für eine Berufsausbildung. Im Jahr 2011 lag der Anteil noch bei 23,0 Prozent, zehn Jahre später bei 29,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mitteilte. Der Anteil der Auszubildenden mit Realschulabschluss blieb mit gut 41 Prozent nahezu unverändert, während der Anteil der Hauptschulabsolventen von 31,6 Prozent auf 24,0 Prozent sank. 
Die schulische Vorbildung hat nach Angaben der Statistiker großen Einfluss auf die Berufswahl. So war 2021 der beliebteste Ausbildungsberuf für Abiturienten oder Fachabiturienten der des Fachinformatikers (10,8 Prozent). Junge Männer mit Real- oder Hauptschulabschluss entschlossen sich hingegen am häufigsten für eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker. Abiturientinnen wählten am häufigsten eine Ausbildung zur Bürokauffrau (10,8 Prozent), junge Frauen mit Realschulabschluss eine zur medizinischen Fachangestellten und Hauptschulabsolventinnen zur Verkäuferin. 
In einigen Berufen ist die Hochschul- oder Fachhochschulreife nahezu Voraussetzung für einen Ausbildungsvertrag. So liegt der Anteil der Abiturientinnen oder Fachabiturienten unter den Auszubildenden als mathematisch-technische Softwareentwickler bei 96 Prozent, wie das Statistikamt erklärte. In den Berufen Kauffrau für Marketingkommunikation und Medienkaufmann Digital und Print lag der Anteil jeweils bei rund 85 Prozent.

Dienstag, 25. Mai 2021

"Die Bilder in den Köpfen der Leute entsprechen nicht der Realität"

Vom Lehrling zum Gesellen, von der Gesellin zur Meisterin – das ist die typische Ausbildungskarriere im Handwerk. Doch auf allen Stufen fehlt es an Nachwuchs: 18.600 Lehrstellen in Handwerksberufen blieben im Ausbildungsjahr 2019/2020 unbesetzt , das waren 16 Prozent aller gemeldeten Stellen. Dazu fehlen bundesweit 54.000 Gesellinnen und Gesellen und 5500 Meisterinnen und Meister, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) erklärt das unter anderem mit einem Imageproblem, unter dem das Handwerk bei jungen Menschen leide. Klassische Ausbildungen haben seit Jahren ein Imageproblem – und dann kam noch Corona dazu. Wer bildet Köche aus, wenn alle Restaurants geschlossen sind? Kann man per Video Haare schneiden lernen? 
Viele Ausbildungspläne platzten in der coronainfizierten Wirtschaft. Ein Desaster: für viele Jugendliche und junge Erwachsene, weil viele von ihnen niemals zurück in eine Ausbildung finden werden; für die Unternehmen, weil schon absehbar ist, dass bald in vielen Bereichen noch mehr Fachkräfte fehlen dürften. Dabei hat sich das Handwerk in den vergangenen Jahren stark bemüht, seinen Ruf aufzupolieren. Mit einer Imagekampagne wirbt die Branche seit mehr als zehn Jahren auf Plakatwänden, in TV-Spots, mit Taschen und Briefmarken um mehr Auszubildende. Hat das etwas gebracht? Ein Gespräch mit Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH, über überholte Rollenbilder und die Herausforderung, sie zu ändern. 

SPIEGEL: Herr Schwannecke, leidet das Handwerk unter einem schlechten Ruf? 

Holger Schwannecke: Junge Menschen, aber auch ihre Lehrer und Eltern, haben oft ein tradiertes Bild vom Handwerk im Kopf. Seit 2008 untersucht Forsa für uns , wie das Handwerk in der Bevölkerung wahrgenommen wird, und die erste Umfrage zeigte: Die Leute kannten nur zehn oder zwölf Handwerksberufe, nicht mehr – es sind aber über 130. Das liegt auch daran, dass wir jahrzehntelang nicht über uns geredet haben, auch nicht über die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen im Handwerk. Und das ist fatal. Mit unserer Kampagne versuchen wir, diese Bilder im Kopf zu drehen. 

SPIEGEL: Welche Bilder sind das konkret? 

Schwannecke: Das Handwerk wird oft noch mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden und zum Beispiel nicht mit Modernität und der Lösung von Zukunftsaufgaben. Dabei haben alle Herausforderungen in unserer Gesellschaft – von Energie über Klima, von Mobilität bis zur Digitalisierung – mit Handwerk zu tun. Zum Beispiel Smart Home: Es sind Elektronikerinnen und Elektroniker, die die Technik installieren. Es gibt mit Sensoren versehene Fußböden, die anzeigen, wenn ein älterer Mensch gefallen ist – sie werden von Handwerkern verlegt. Aber vielen ist das nicht bewusst. In den Köpfen stecken Bilder, die nicht der Realität entsprechen. Wenn wir die ganze Zeit nur über den Mangel an Auszubildenden sprechen, dann bewirkt das eine negative Assoziation. Wir müssen mehr über Chancen sprechen. Und deshalb sagen wir: Da besteht ein Imageproblem. 

SPIEGEL: Sie werben zum Beispiel im Fernsehen oder auf Litfaßsäulen. Sind das wirklich die Orte, an denen man junge Menschen erreicht? 

Schwannecke: Mit diesen Werbemaßnahmen richten wir uns an die breite Öffentlichkeit. Denn auch was Eltern, Verwandte und Lehrer über das Handwerk denken, entscheidet oft die Berufswahl von Schülerinnen und Schülern. Um die Jugendlichen selbst zu erreichen, sind wir stark online unterwegs – in den Social-Media-Kanälen, genauso wie in Musikstreaming-Diensten oder jugendaffinen Apps. 

SPIEGEL: In diesem Jahr werben Sie mit Sprüchen wie »Wo dein Wille ist, ist auch dein Weg« oder »Wichtiges tun, statt wichtig zu tun«. Was sollen sie vermitteln? 

Schwannecke: Junge Menschen wollen mitgestalten, sie wollen im Beruf ein Stück Erfüllung finden und sich selbst verwirklichen. Und das können sie im Handwerk. Auszubildende sagen uns immer wieder, wie stolz sie darauf sind, was sie selbst gemacht haben, mit ihren Händen und dem Kopf. Aber das müssen wir anderen Jugendlichen auch zeigen. Wir setzen in der Kampagne daher auf authentische junge Menschen, echte Handwerker. Das sind ja keine Schauspieler in den Werbespots. Was wir jungen Menschen auch noch deutlicher machen müssen: sich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig machen, die eigene Idee selbstverantwortlich umsetzen, sein eigener Chef oder seine eigene Chefin sein – im Handwerk geht das ganz früh. 

SPIEGEL: Kann man wirklich das Image einer ganzen Branche mit Plakaten und Werbespots verändern?

Schwannecke: Ja, daran glauben wir. Und die Erfahrung aus den zehn Jahren zeigt, dass uns das gelingt. Jedes Jahr fragen wir mit Forsa erneut, wie die Menschen das Handwerk sehen. Als wir gestartet sind, hat gerade mal ein Drittel angegeben, das Handwerk wahrzunehmen. Jetzt sagen das über zwei Drittel. Das ist auch ein Effekt unserer Kampagne. Das zeigt uns, dass wir auf einem guten Weg sind. 

SPIEGEL: Trotzdem fehlen weiter Tausende Auszubildende. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der Lehrlinge im Handwerk von gut 439.000 auf gut 363.000 . 

Schwannecke: Ja, dieses Problem besteht ohne Zweifel. Im Ausbildungsjahr 2019/2020 sind die Auszubildendenzahlen in unserer Branche um 7,5 Prozent zurückgegangen. Das lag auch daran, dass wegen Corona keine Ausbildungsmessen und weniger Betriebspraktika stattfinden konnten. Die Kampagne hat aber dazu beigetragen, dass wir noch halbwegs glimpflich durch die Krise gekommen sind. Insofern ist es auch ein Erfolg, dass der Rückgang im Handwerk nicht so hoch war wie in anderen Bereichen der gewerblichen Wirtschaft – in der Gesamtwirtschaft gab es 11 Prozent weniger neue Ausbildungsverhältnisse . Die Ursachen für das Problem betreffen letztlich nicht nur das Handwerk. 

SPIEGEL: Welche Ursachen sind das? 

Schwannecke: Zunächst natürlich die Demografie: Wir haben einfach wesentlich weniger Jugendliche als noch vor 20 Jahren. Und unter denen geht der Trend nach wie vor zu einer akademischen Ausbildung. Das ist wieder etwas, was in den Köpfen steckt: dass nur, wer Abitur und studiert hat, es zu etwas bringt im Leben. Dieses Bild versuchen wir zu verändern und klarzumachen: Es gibt zwei Wege, Karriere zu machen und Erfüllung zu finden, nämlich den beruflichen und den akademischen Weg. Leider denken viele, dass der eine Weg der vorzugswürdige sei. 

SPIEGEL: Ihr Verband beklagt in diesem Zusammenhang einen »Werbefeldzug der Politik und der OECD für Abitur und Studium «. Ist es sinnvoll, eine Rivalität zwischen Studium und Berufsausbildung aufzumachen? 

Schwannecke: Uns liegt es nicht an einer Rivalität. Wir wollen kein Gegeneinander. Im Gegenteil, wir wollen Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit der unterschiedlichen Bildungswege betonen. Lange war es aber Politik der OECD, die Leistungsfähigkeit eines Landes an der Zahl seiner Akademiker zu bemessen. Darunter leiden wir noch immer. Zum Glück hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Was jahrzehntelang vermittelt wurde, holt sich aber nicht von heute auf morgen auf. Es ist Aufgabe von Politik und Wirtschaft, deutlich zu machen, dass Ausbildung und Studium zwei gleichwertige Wege sind. 

SPIEGEL: Wie könnte so eine Gleichwertigkeit erreicht werden? 

Schwannecke: Es geht nicht nur um die Werteschätzung mit Worten. Sondern auch um die ganz praktische Gleichstellung von Auszubildenden und Studierenden. Wenn es Studierendenwohnheime gibt, die staatlich gefördert sind, dann müssen wir genauso auch Wohnmöglichkeiten für Lehrlinge schaffen. Wenn es Semestertickets gibt, dann braucht es auch Azubitickets. Mancherorts gibt es das bereits. Das sind alles Punkte, mit denen die Politik zeigt: Ihr seid uns genauso wichtig.

"Den jungen Leuten fehlt das Feuer"

Ulla Maass, 64 Jahre, ist Friseurmeisterin mit eigenem Salon in Hamburg, in dem sie derzeit allein arbeitet. Sie schult außerdem seit 16 Jahren Friseure in Deutschland und Österreich. 
»Ich hatte den letzten Azubi vor knapp zehn Jahren. Ich habe es immer so gesehen: Ich durfte von den Besten lernen und mir ist es wichtig, mein Handwerk weiterzugeben. Ich wollte Auszubildende haben, die diesen Weg auch gehen wollten. Aber es ist immer schwieriger geworden, diese Menschen zu finden. Das sehe ich ganz aktuell auch in meinen Seminaren. Ich leite Fortbildungen und besuche viele Salons in ganz Deutschland. Alle haben das gleiche Problem. Den jungen Leuten fehlt das Feuer für den Beruf, es mangelt an Wissbegierde. Woran das liegt? Es ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung und es fängt in den Elternhäusern an.