Die Abinoten werden besser, doch werden es auch die Absolventen? Der Deutsche Hochschulverband rügt, mehrere Fähigkeiten hätten sich „spürbar verschlechtert“. Mit Folgen.In ganz Deutschland starten dieser Tage die Abiturprüfungen. Das Wort Abitur stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „weggehen“. Mehr als zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler, die das Abi bestehen, werden anschließend weggehen – an eine Universität zum Studieren. Im Gepäck: immer bessere Durchschnittsnoten. Doch die Entwicklung sorgt nicht zwangsläufig dafür, dass die Absolventen auch tatsächlich „besser“ sind. Immer häufiger müssten die Unis nachholen, was die Schulen nicht schaffen.
Der Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Professor Lambert T. Koch, erkennt eine „fortschreitende Noteninflation“ im deutschen Abitur. Trotz immer besserer Noten für Abiturienten stünden die Universitäten vor Problemen. Die fast 34.000 im DHV organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachteten „seit geraumer Zeit mit Sorge, dass das Abitur die Studierfähigkeit zwar formal bescheinigt, in der Praxis jedoch immer seltener garantiert“, so Koch.
Trotz besserer Durchschnittsnoten: Uni-Chef sieht „eklatante Mängel“ bei Abiturienten
„Natürlich gibt es nach wie vor hochmotivierte und leistungsstarke junge Menschen, die nach dem Abitur ein Studium aufnehmen und vom ersten Semester an brillieren“, meinte der DHV-Präsident. „Hochschullehrende konstatieren jedoch zunehmend eklatante Mängel: Neben unzureichenden mathematischen Vorkenntnissen haben sich auch das Leseverständnis, die Lesebereitschaft und das allgemeine Ausdrucksvermögen insgesamt spürbar verschlechtert.“
Um diese Defizite aufzufangen und auszugleichen, gebe es an den Hochschulen „fachspezifische Brückenkurse“, die fehlende Grundlagen vermitteln. „Diese nachholende Stoffvermittlung stößt jedoch an strukturelle Grenzen, da den Universitäten die Kapazitäten fehlen, um dauerhaft Bildungsaufgaben der Schulen zu übernehmen.“ Eine ähnliche Entwicklung beobachtet auch der ehemalige Lehrerpräsident Josef Kraus. „Die Universitäten müssen hier das nachholen, was Abiturienten früher mitgebracht haben“, so Kraus gegenüber unserer Redaktion.
Wie aus Daten der Kultusministerkonferenz hervorgeht, sind die Abiturnoten in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich besser geworden. Lag der gewichtete Abitur-Bundesdurchschnitt 2006 noch bei 2,5, liegt er heute bei 2,36. Laut Kraus liegt das an gesunkenen Anforderungen. „Die Noten werden immer besser, aber man kann nicht sagen, dass die heutige Jugend immer schlauer wird“, so Kraus. Denn: „Es sind ganz klar die Ansprüche heruntergefahren worden.“ Und wenn die Ansprüche heruntergefahren und die Bewertungskriterien liberaler werden, kommt eben ein besseres Ergebnis heraus.“ (Quellen: Josef Kraus, Deutscher Hochschulverband, Lambert T. Koch, Kultusministerkonferenz)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen