Hamburg – Bedürfnisorientierte Erziehung hat sich in den vergangenen Jahren zu einem echten Trend entwickelt. In Blogs und auf Social Media teilen zahlreiche Eltern ihre Erfahrungen mit dieser Methode. Doch nicht alle Berichte fallen positiv aus. Einige Mütter und Väter schildern, wie sie mit dem Konzept an ihre Grenzen geraten. Ein besonders drastischer Erfahrungsbericht stammt von einer alleinerziehenden Mutter, die sich im Online-Forum Reddit zu Wort meldete. Sie habe ihren Sohn ungewollt zu einem „kleinen Tyrannen großgezogen“, schreibt sie dort: „Ich habe das Gefühl, ich ziehe mir gerade ein kleines Arschloch groß – und dieser Satz tut mir schon beim Schreiben in der Seele weh.“
Ihr knapp vierjähriger Sohn zeige ein „extrem schwieriges“ Verhalten, vor allem ihr gegenüber: „Drama. Wut. Respektlosigkeit. Schreien, Befehlston, Kommandieren, Tritte, Ausraster – gefühlt jeden Tag schlimmer.“ Sie habe ihn von Anfang an „sehr bedürfnisorientiert begleitet“ und zweifle nun daran, ob das der richtige Weg gewesen sei.
Therapeutin: Kindern alles erlauben, ist der falsche Weg
In den Kommentaren unter dem Reddit-Beitrag sehen einige Nutzer den Fehler tatsächlich bei der Erziehungsmethode. „Viele Kinder von sehr bedürfnisorientiert erziehenden Eltern sind einfach völlig überreizt und überfordert mit den ganzen Infos und Entscheidungen“, schreibt ein Nutzer. Bedürfnisorientiert erziehen bedeute nicht, dass das Kind alles bekomme, was es wolle, oder dass es nie ein „Nein“ hören dürfe. Vielmehr sollten Kinder lernen, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben, die es zu beachten gelte, erklärt ein Nutzer.
Therapeutin und Autorin Melanie Hubermann bestätigt diese Einschätzung. „Dieses extrem bedürfnisorientierte Erziehen bedeutet, die Kinder einfach machen zu lassen, wonach ihnen gerade ist. Wenn sie der Meinung sind, sie müssen ihren Freund prügeln, dann sollen sie das tun, um herauszufinden, wie sich das anfühlt“, sagt sie gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Kindern alles zu erlauben sei jedoch der falsche Weg: „Wir müssen Kindern Werte vermitteln und Grenzen setzen“, sagt Hubermann. „Wir überfordern Kinder, wenn wir ihnen nicht die Welt altersgerecht kleinhalten – mithilfe von Struktur und Regeln.“
Kinderarzt: Eltern müssen sich wieder mehr von ihren Kindern abgrenzen
Auch Kinder- und Jugendarzt Burkard Voigt sieht das Konzept kritisch. Er sagt gegenüber der FR: „Bedürfnisorientierte Erziehung ist schön und gut, aber oft verwechseln Eltern ihre Bedürfnisse mit denen des Kindes.“ Damit bestätigt der Mediziner die Vermutung vieler Reddit-Nutzer, die nicht grundsätzlich von der bedürfnisorientierten Erziehung abraten, aber beobachten, dass diese häufig falsch verstanden werde.
„Eltern müssen lernen, sich von ihren Kindern wieder mehr abzugrenzen. Eltern und gerade Mütter dürfen ihre eigenen Bedürfnisse nicht immer nur zurückstellen“, sagt Voigt. Man dürfe nicht vergessen, so der Arzt, dass zum Beispiel ein Neugeborenes ein „emotionaler kleiner Tyrann“ sei, „dem ist es völlig egal, wie die Mutter sich fühlt“.
Doch wie sollte sich die Mutter verhalten, wenn ihr Sohn wiederholt nicht auf sie hört? Psychiater und Bindungsforscher Simon Meier ordnet gegenüber der FR ein: „Kinder müssen lernen, dass sie nicht alleine auf diesem Planeten sind und ihre Bedürfnisse auch manchmal aufschieben müssen.“ Eltern würden nicht sofort Bindungsstörungen auslösen, wenn sie Wutanfälle ihrer Kinder auch mal ignorierten. Ärger müsse nicht immer getröstet werden, auch kleine Kinder könnten ihn „relativ gut regulieren“, sagt Meier.

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