Mittwoch, 9. September 2026

"Es ist zu einfach, sich durchs deutsche Bildungssystem zu schlängeln"

Herr Schleicher, die PISA-Werte in Deutschland sind auf dem schlechtesten seit dem Jahr 2000 gemessenen Stand, in sämtlichen Abfragefeldern sind die Schüler nur noch OECD-Mittelmaß. Diese Ergebnisse (PISA-Studie 2025) können nach den zahlreichen nationalen Erhebungen der letzten Jahre kaum überraschen. Was hat Sie dennoch erstaunt?

Wenn man ein Bildungssystem gut kennt, überrascht einen relativ wenig. Aber es gibt schon einiges, das mich an Deutschland erstaunt hat – etwa dass ein großer Teil der jungen Menschen sagt: Wenn ich mich zwischen Bauchgefühl und Evidenz entscheiden muss, vertraue ich Ersterem. Das sagt sehr viel über Bildung aus. Hinzu kommt, dass das Bauchgefühl in Zeiten von KI brandgefährlich ist, denn KI ist immer plausibel. Irritierend ist auch, wie schwer sich Schüler im Jahr 2025 damit tun, komplexe Informationen aufzunehmen. Schüler lesen heute oberflächlicher und schneller, sie sind weniger geneigt, Dinge zu vergleichen, zu bewerten, zu reflektieren. Was mich ebenfalls überrascht hat, ist, wie deutlich die Erwartungshaltung bei Schülern ausgeprägt ist, für mittelmäßige Leistungen gute Noten zu bekommen. Das, zusammengenommen mit einer unzureichend umgesetzten Digitalisierung, ist ein sehr schwieriges Umfeld. Ich habe das Gefühl, dass die sich abzeichnende Abwärtsbewegung in Deutschland einfach hingenommen wird. Es macht mir Sorgen, dass das Bildungssystem in Deutschland seinen Anspruch verliert.

Man hätte denken können, dass die Ergebnisse des Jahres 2022 wegen der Corona-Pandemie einen Tiefpunkt darstellten. Jetzt zeigt sich: Die Leistungen haben sich nicht verbessert oder stabilisiert. Inzwischen kann ein Drittel der Schüler nur noch unzureichend lesen und rechnen.

Ich habe schon damals gesagt, dass Corona nicht das eigentliche Problem ist. Die Pandemie hat Entwicklungen verstärkt, aber schon damals konnten wir sehen, gerade bei der Lesekompetenz, dass der Leistungsabfall schon 2015 begonnen hatte und mit einem veränderten Leseverhalten in der digitalen Welt einherging.

Die Leseförderung ist in den letzten Jahren an deutschen Schulen deutlich ausgebaut worden. Offenbar hat sie nicht viel gebracht.

Auch das hat mit der Dominanz von digitalen Medien zu tun. Wir sehen, dass in den letzten drei Jahren in Deutschland die konsumptive Nutzung von digitalen Medien zugenommen und die kreative abgenommen hat. Das, was Gehirnverbindungen knüpft, wird runtergefahren, und das, was sie absterben lässt, dominiert. Das Ergebnis können Sie dann auch mit einem Leseprogramm nicht mehr ausgleichen. Man muss viel mutiger die Freude am Lesen stärken. Schulen haben sich dieser Welt inzwischen vielleicht zu sehr angepasst. Schon in der letzten PISA-Studie haben wir festgestellt, dass jene Kinder, die bei digitaler Lesekompetenz am besten abgeschnitten haben, nicht jene waren, die am meisten mit dem Smartphone spielten. Es waren jene, die Bücher mit mehr als 100 Seiten gelesen haben. Und das ist durchaus plausibel. Wenn Sie ein langes Buch lesen, müssen Sie komplexe Zusammenhänge mental verarbeiten. Sie müssen sich mit verschiedenen Charakteren auseinandersetzen, Sie müssen sich vieles merken. Und all das stärkt auch die digitale Kompetenz. Wenn ich mir immer nur die Marmelade anschaue, die aus ChatGPT rauskommt, dann brauche ich mich nicht anzustrengen. Aber Sie werden nicht sportlich, wenn Sie beim Sport nur zuschauen. So ist es auch beim Lernen. Es erfordert Anstrengungsbereitschaft, man lernt nicht durch den Konsum von fertigen Inhalten. Und auch das zeigen die PISA-Daten: Es ist für junge Menschen zu einfach geworden, sich irgendwie durchs Bildungssystem zu schlängeln. Man muss in der Schule den Mut haben, zu sagen: Wir lesen auch mal schwierige Bücher. Das erfordert Mühe, aber dabei bauen wir das auf, was wir später im Leben brauchen. Übrigens finden Schüler Lernumfelder, in denen sehr viel Leistungsbereitschaft eingefordert wird, auch spannend.

In Deutschland ist die Bereitschaft, sich bei Problemlösungen durchzubeißen, um acht Prozent zurückgegangen. Und ein Drittel der Schüler betrachtet Schule als Zeitverschwendung.

Der Wert ist tatsächlich besonders hoch in Deutschland. Wir haben bei der neuen Studie auch viele weitere Fragen zum Wert von Schule gestellt. Und dieser Wert wird durchweg als gering erachtet, wobei natürlich auch die Eltern eine Rolle spielen.

Die Abhängigkeit der Lernleistung vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses ist ja seit Jahren ein Thema bei PISA. Diese Abhängigkeit hat sich Ihren Analysen zufolge weiter verstärkt. Was kann Deutschland von Kanada lernen, wo dieser Zusammenhang wesentlich weniger ausgeprägt ist?

Was man von Kanada lernen kann, ist die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund. Dort können Sie innerhalb von zwei Jahren diesen Hintergrund kaum noch erkennen. Grund dafür sind intensive Förderprogramme. In Deutschland fallen einfach zu viele junge Menschen durch das Raster. In Kanada würde so etwas durch datengestützte Instrumente sofort auffallen. Ein Land, in dem sich die soziale Abhängigkeit des Bildungserfolgs zuletzt deutlich reduziert hat, ist Großbritannien. Dort wurde in den letzten zehn Jahren ein relativ klar strukturiertes Bildungssystem geschaffen. Pädagogen wünschen sich ja immer schülerzentrierten Unterricht. Aber für Kinder aus ungünstigem Umfeld sind Struktur und Disziplin absolut wichtig. Diesen Ansatz hat Großbritannien sehr in den Vordergrund gerückt. Disziplin wurde systematisch eingefordert, und letztendlich hat das in den Schulen ein besseres Arbeitsklima geschaffen.

Es fällt auf, dass die Leistungen der Türkei sich in vielen Bereichen stark verbessert haben. Was steckt dahinter?

Die Türkei ist ein wirklich spannendes Beispiel. Die Türkei hat sich gezielt um die Schulen in den ärmeren Randgebieten gekümmert, in denen auch die regierende Partei besonders große Zustimmung erfährt. Ein Schulsystem musste hier zum Teil erst aufgebaut werden. Inzwischen ist die Infrastruktur wirklich gut, und man hat sich sehr um die Lehrerentwicklung gekümmert. Man hat Mentorenschaften eingeführt und gute Schulen mit weniger guten vernetzt. Wir sehen jetzt große Fortschritte am unteren Ende des sozialen Spektrums, während sich in den großen Städten relativ wenig verändert hat.

Ist es nicht erstaunlich, dass der EU-Durchschnitt, der neuerdings bei der PISA-Studie ebenfalls errechnet wird, unter dem OECD-Durchschnitt liegt?

Da kommt mehreres zusammen. Früher starke Bildungssysteme wie Finnland und Schweden sind zurückgefallen. Die Lokomotiven Deutschland und Frankreich stehen vor enormen Herausforderungen. Länder wie Polen oder Italien konnten insgesamt ihr Niveau über Jahrzehnte hinweg halten, aber das reicht eben nicht. Und das wird auch im Rest der Welt zunehmend so gesehen. Ich war in der letzten Woche in Hongkong. Dort wird immer weniger nach Europa geschaut.

Wie sind die sehr guten Ergebnisse aus China zu beurteilen? Dort haben ja nur einige Regionen teilgenommen: Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang.

Ja, aber in diesen vier Regionen leben fast 200 Millionen Menschen, und sie stellen bei den Naturwissenschaften 27 Prozent der leistungsfähigsten Schüler unter den 91 Ländern, die bei PISA teilgenommen haben. Diese Regionen sind nach ihrem sozialen Hintergrund und dem Bildungsgrad der Eltern eher mit Brasilien als mit Deutschland zu vergleichen, und trotzdem stehen sie bei PISA an der Spitze. Das traditionelle Bild, das man vom asiatischen Schulsystem hat – ihm wird ja oft ein maschinenhaftes Lernen unterstellt –, trifft absolut nicht zu. Ich rate jedem, sich eine chinesische Schule anzuschauen. Nur die besten kommen in den Lehrerberuf, und die Ressourcen werden intelligent eingesetzt. Lehrkräfte unterrichten in China oft noch 50 Kinder in einer Klasse, aber sie tun es nur elf, zwölf Stunden pro Woche. Das heißt, sie können sich wirklich um diese Kinder kümmern, sie können sich auch mit den Eltern auseinandersetzen und tun es regelmäßig. Der Austausch zwischen Lehrkräften auf digitalen Plattformen ist groß.
Wenn Sie als Schule in China eine besondere pädagogische Idee verwirklichen möchten, fragen Sie im Ministerium an und bekommen oft ein kleines Budget. Am Ende des Jahres, wenn Ihr Konzept sich als gut erwiesen hat, gibt das Ministerium Ihnen die Möglichkeit zu zeigen, ob die Idee auch an zehn anderen Schulen funktioniert. Und so verbreitet sich eine gute Idee rasant. Spannend für Deutschland ist die Beobachtung, dass die Kinder aus den sozial ungünstigsten Umfeldern der chinesischen Teilnehmerregionen in Mathematik und den Naturwissenschaften so gut abschneiden wie die Kinder aus den günstigsten sozialen Umfeldern in Deutschland.

Und die Ergebnisse sind zuverlässig?

Absolut. Sie können sich vorstellen, dass alle Länder, die bei PISA sehr gut abschneiden, intensiv durchleuchtet werden. Daher dauert es auch ein Jahr, bis wir unsere Ergebnisse veröffentlichen.

Welche Schlüsse ziehen Sie für den Bildungsbegriff der PISA-Studie daraus, dass die besten Leistungen in zwei autoritär geprägten Staaten zu verzeichnen sind, China und Singapur? Die Schüler dort haben nach Ihrer Definition die größte Problemlösungskompetenz.

Womöglich messen diese Staaten der Bildung insgesamt einen höheren Stellenwert zu, weil sie wissen, dass darauf ihre Zukunft beruht. Zudem denken diese Länder in anderen Zeiträumen. Die Früchte, die in der aktuellen PISA-Studie geerntet werden, sind vor vielen Jahren grundgelegt worden. In China haben Lehrkräfte auch deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten als in Deutschland. Eine Schulleiterin hat mir mal gesagt: Ja, in China sind viele Dinge nicht erlaubt, aber vieles ist auch nicht verboten. Und in dieser Grauzone können wir alles machen. Die chinesische Bildungsverwaltung würde nie in das Geschehen einer erfolgreichen Schule eingreifen. Sehr beeindruckt hat mich in der aktuellen Studie übrigens auch die Ukraine, die trotz des Kriegs das Niveau ihres Bildungssystems gehalten hat. Hier dominierte der Wille, auch in schwierigsten Situationen nicht die Basis für die Zukunft aus den Augen zu verlieren.

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