Dienstag, 13. Oktober 2026

PISA-Absturz: Der größte Fehler, den Eltern bei lesefaulen Kindern machen

Frankfurt
– Die aktuellen PISA-Ergebnisse 2025 haben Deutschland erneut hart getroffen. Rund ein Drittel der 15-Jährigen hat erhebliche Schwierigkeiten, Texte richtig zu verstehen und Informationen einzuordnen. Besorgte Eltern wollen ihren Kindern nun helfen und greifen angesichts der alarmierenden Defizite oft zu strengen Maßnahmen. Doch ausgerechnet der häufigste Erziehungsreflex im heimischen Wohnzimmer führt direkt in eine gefährliche Falle.
Dabei liegen die eigentlichen Ursachen für diese Defizite tief. Aus lernpsychologischer Sicht scheitern die Jugendlichen oft daran, dass sie nicht über geeignete Lesestrategien verfügen und es ihnen am nötigen Weltwissen fehlt, um die Bedeutung eines Textes zu erschließen. Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media fällt Dr. Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt, hierzu ein klares Urteil: „Versagt haben Familie und Schule gleichermaßen.“
Bildungsstudien wie IGLU zeigen schon lange, dass die Probleme weit vor dem PISA-Alter beginnen: Jedes vierte Kind verlässt die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können. Ein Grund hierfür ist laut Prof. Gold, dass es im Anschluss an den Erstleseunterricht in der Schule oft nicht gelingt, die grundlegende Leseflüssigkeit durch kontinuierliches Üben ausreichend zu automatisieren.

Lesen als Strafe: Warum Verbote und Schuldzuweisungen scheitern
Welche dramatischen Folgen das hat, betont auch Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) gegenüber der Frankfurter Rundschau: Lesen sei die entscheidende Grundvoraussetzung für den Lernerfolg in sämtlichen Fächern. „Wie sollen die Schülerinnen und Schüler denn eine Textaufgabe in Mathe lösen, wenn sie die Aufgabe nicht richtig verstehen?“, warnt Fleischmann davor, das Problem nur auf den Deutschunterricht zu schieben. Wenn Jugendliche später daran scheitern, im Alltag Falschnachrichten auf Social Media zu entlarven, schrillen die Alarmglocken. Den Nachwuchs jedoch unter Druck an ein Buch zu zwingen, bewirkt meist genau das Gegenteil von dem, was Eltern eigentlich erreichen wollen.
Wenn Kinder nicht freiwillig lesen möchten, fällt bei vielen Eltern schnell der Satz: „Jetzt kommt das Handy weg. Setz dich hin und lies etwas“. Die Stiftung Lesen warnt angesichts der aktuellen PISA-Auswertung eindringlich vor diesem Vorgehen. So gut dieser Impuls der Eltern auch gemeint ist, er verknüpft das Lesen in der Wahrnehmung der Kinder mit einer Tätigkeit, zu der sie gezwungen werden.
Allerdings stellt sich die Frage, wie verbreitet diese Strenge tatsächlich ist. Prof. Gold hat in der Praxis eine andere Beobachtung gemacht: „Viel Druck und Zwang sehe ich nicht. Eher ein weitverbreitetes Desinteresse der Eltern an der Lesekompetenzentwicklung ihrer Kinder.“ Simone Fleischmann warnt in dieser emotionalen Debatte jedoch eindringlich davor, die Verantwortung nun einfach zwischen Elternhaus und Schule hin- und herzuschieben. Zwar müsse es der Anspruch der Schule sein, Bildungsungleichheiten auszugleichen, doch das könne die Institution allein nicht leisten. „Wir brauchen die Eltern im Boot“, betont Fleischmann und fordert statt Schuldzuweisungen ein gesamtgesellschaftliches Konzept und eine gemeinsame Kraftanstrengung.
Sicher ist: Anstatt das Buch als Strafe für den Handy-Konsum einzusetzen, sollte das Lesen als echte Freizeitalternative angesehen und angeboten werden. Eine gute Lesekompetenz erfordert vor allem viel Übung. Das Problem dabei: Üben macht wenig Freude, wenn die eigene Fähigkeit noch nicht gut ausgeprägt ist. Hierin sieht auch Gold den entscheidenden Knackpunkt: „Denn nur wer flüssig liest, kann auch verstehend lesen und wird Freude am Lesen haben.“

Mangas und Comics sind keine Feinde
Um die Hürden für Kinder und Jugendliche zu senken, müssen Erwachsene oft ihre eigenen Vorstellungen von wertvoller Lektüre anpassen. Gerade für junge Menschen, die sich mit dem Lesen noch schwertun, können klassische, dicke Bücher schlichtweg abschreckend wirken. Der wichtigste Rat der Expertinnen und Experten lautet daher: Kinder und Jugendliche müssen unbedingt mitbestimmen dürfen, was sie lesen wollen.
Wer Lesemuffel motivieren will, sollte auf alternative Formate setzen. Zeitschriften, Comics, Mangas oder Buchcomics haben deutlich kürzere Textabschnitte und können so die Einstiegshürden enorm verringern. Auch BLLV-Expertin Fleischmann unterstützt diesen pragmatischen Ansatz voll und ganz: Natürlich wünschten sich viele, dass Kinder anspruchsvolle Literatur lesen, doch man müsse Realist bleiben. „Wenn ein Jugendlicher schon beim Anblick einer ganzen Buchseite aussteigt, dann muss ich doch überlegen: Wo erreiche ich diesen jungen Menschen?“, erklärt Fleischmann. Um Schüler überhaupt erst wieder zum Lesen zu bringen, müssten alle Formen des Materials angeboten werden – auch digitale Plattformen.
Dass dieser niedrigschwellige Ansatz funktioniert, bestätigt Milena Jovanović, Referentin für Presse und politische Kommunikation an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. So seien die „Comics für Kinder bis zwölf“ der am stärksten ausgeliehene Bereich innerhalb der Kinder- und Jugendbibliothek, dicht gefolgt von Bilderbüchern und Graphic Novels. Zudem erreiche man Jugendliche heute stark über soziale Netzwerke: Die ZLB profitiert immens von einer täglich aktualisierten Medienpräsentation, die auf sogenannten „Book Toker*innen“ (auf der Plattform TikTok) basiert und bei der vor allem Bücher der Genres Young Adult und New Adult gefragt sind.
Auch Lernforscher Gold befürwortet die Nutzung solcher Formate, um Hürden abzubauen, mahnt jedoch: „Eine intrinsische Lesemotivation – die Lust am Lesen – erwächst aus einer vorhandenen Lesekompetenz.“

Die Lösung beginnt lange vor dem 15. Lebensjahr – und braucht Ressourcen
Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, betont, dass sich die PISA-Ergebnisse nicht verbessern werden, wenn man nur auf die Bildungsinstitutionen blickt. Die Förderung müsse früh und lange vor der Einschulung beginnen: Zehn Minuten Vorlesen am Tag müssten zum normalen Alltag gehören. Auch Prof. Gold sieht das mangelnde Vorlesen im Vor- und Grundschulalter als eines der großen Versäumnisse. Erschwerend komme hinzu, dass unzureichende sprachliche Kompetenzen die Hauptursache für spätere Leseschwierigkeiten seien, weshalb Gold verpflichtende Sprachstandserhebungen und frühe Sprachförderung im Kita-Alter fordert.
Doch selbst wenn diese Grundlagen fehlen, müssen die Schulen die leseschwachen Kinder letztlich auffangen – eine Mammutaufgabe, die das System derzeit überlastet. Eine Lehrkraft, die vor bis zu 30 Schülern steht, könne unmöglich nebenbei jedes Kind individuell beim Lesen fördern, kritisiert Simone Fleischmann. Für diese nötige Differenzierung im Unterricht brauche es externe Profis, an denen es massiv mangele. Eine wertvolle Stütze im Schulalltag sind hierbei ehrenamtliche Initiativen: Wie Lesementoren Kindern die Freude am Lesen zurückgeben, zeigt sich bereits an vielen Schulen im Land. Doch auch sie können den massiven Personalmangel nicht allein auffangen.„Das ist doch der Widerspruch: Die Kinder mit dem größten Förderbedarf brauchen eigentlich die meiste Professionalität, die meiste Zeit und die intensivste Begleitung. Und ausgerechnet dort ist der Mangel an Lehrkräften am größten“, bilanziert Fleischmann und fordert als Konsequenz aus den PISA-Ergebnissen ein echtes „Sondervermögen für Bildung“.
Neben Personal und der elterlichen Vorbildfunktion braucht es auch die passenden räumlichen Voraussetzungen, um Lesefreude zu wecken. Wenn es in der eigenen Wohnung keinen ruhigen Platz gibt, lohnt sich der Besuch einer Bücherei. Dass diese Einrichtungen unverzichtbar sind, belegt die ZLB: Einen weltweiten Rückgang der Lesefreude, wie ihn PISA skizziert, kann man dort nicht feststellen. Die Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer in der Altersgruppe von null bis 18 Jahren steigt laut Jovanović seit 2022 sogar leicht an.
Die Kinder- und Jugendbibliothek verzeichnet durchschnittlich 500 Besuche am Tag und besticht durch ein breites Programm von Schreibworkshops über Manga-Zeichnen bis hin zu Gaming-Angeboten. Doch die Rolle der Bibliothek als Rückzugsort stößt längst an räumliche Grenzen: „Viel zu häufig und vor allem in Prüfungsphasen sitzen Jugendliche bei uns auf dem Boden, wenn sie keinen Platz mehr finden“, berichtet Jovanović über das Platzproblem in der ZLB. Berlin brauche dringend mehr und gesonderte Flächen, damit Kinder und Jugendliche auch weiterhin ungestört, in Gemeinschaft und vor allem ohne Druck lernen und lesen können.  

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