Donnerstag, 9. Juli 2026

Smartphone-freie Klassen - der Gamechanger?

Frankfurt – Ein Hauch von Nostalgie kommt auf, wenn Millennials am Morgen im Bus auf dem Weg zur Arbeit die Schulkinder Sammelkarten tauschen sehen. Wenn aus dem Schulranzen ein Manga hervorlugt oder die Kopfhörer wieder am Kabel hängen, ist die Schulzeit der 1990er plötzlich ganz nah. Die Schulen waren voll mit Diddl-Blättern, Eastpak-Rucksäcken, Tintenkillern und Overheadprojektoren – aber keine Smartphones. Abseits von klobigen Klapphandys und ein paar Röhrenbildschirmen verlief der Unterricht noch weitgehend analog.

Was das bedeutet hat, erklärt Gymnasiallehrerin Emily Horbach aus Berlin. In einem Beitrag auf Instagram spricht sie von fast schon „unfairen Vorteilen“ gegenüber der Schülergeneration von heute. Sie ist selbst Millennial, in den 1990ern zur Schule gegangen und erinnert sich an Unterricht, der nicht durch kaputte Beamer oder streikendes WLAN gestört wurde. Lehrkräfte konnten sich laut Horbach auf Tafel und Kreide verlassen.

Smartphones im Unterricht: Lehrkräfte ringen um Aufmerksamkeit ihrer Klasse

Aus Sicht einer Lehrkraft war vor allem der Kampf um die Aufmerksamkeit der Klasse ein anderer als heute. Damals hatten Schülerinnen und Schüler Kaugummis in der Hosentasche, heute ist es das Smartphone. Mittlerweile, sagt die Gymnasiallehrerin, ist der Algorithmus zum härtesten Konkurrenten der Lehrkräfte geworden. „Sehr viele Lehrkräfte berichten mir, dass die Aufmerksamkeitsspanne ihrer Schülerinnen und Schüler so gering ist wie nie zuvor und ich habe das in meiner Unterrichtszeit genauso erlebt“, erklärt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Hinzu komme eine „gesunkene Bereitschaft, sich auf etwas Anstrengendes einzulassen“. In einer Zeit der sofortigen Bedürfnisbefriedigung, sei dem Lernen nicht viel abzugewinnen: „Es ist anstrengend, es muss sich sogar schwer anfühlen, damit es wirklich etwas bringt“, sagt Horbach. Im Schulalltag fehle es häufig an Fleiß und Motivation. Bei schwierigen Aufgaben muss die Lehrerin ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder Mut zusprechen, damit diese sich wirklich anstrengen. Viele Kinder bräuchten ein „Signal, dass sie es schaffen können und dass Anstrengung einfach dazugehört“, sagt Horbach.

„Medien-Diät der 90er-Jahre“: Kinder lernen mit Langeweile umzugehen

Auch zwischen den Unterrichtsstunden beeinflusst die digitale Welt mittlerweile den Schulalltag. In Pausen könne man laut Horbach sehen, dass viele Schülerinnen und Schüler eher am Handy sind, als sich zu unterhalten: „Es wird am Handy gedaddelt, statt sich am Morgen zu begrüßen, oder in der Pause Fußball zu spielen.“ Dabei wäre gerade die Zeit zwischen den Stunden ideal, um sich mit Mitschülerinnen und Mitschülern auszutauschen oder den Kopf kurz leerzukriegen.

Für die Gymnasiallehrerin sind es die Momente der kurzen Langeweile, in denen der Kopf zum Grübeln angeregt wird: „Die Pause auf dem Schulhof, der Blick aus dem Fenster, das kurze Nichtstun zwischen zwei Aufgaben, das sind keine verlorenen Minuten, sondern Momente, in denen Fantasie und eigenständiges Denken überhaupt erst Raum bekommen.“ Kinder, die jeden Moment des Leerlaufs sofort mit kurzen Reizen füllen, verlieren die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und eigene Ideen zu verwirklichen.

Die Einschätzungen von Horbach teilt auch die Medienpädagogin Paula Bleckmann. Die Expertin für Bildungswissenschaft befürwortet Langeweile und Bewegung statt Smartphone-Zeit in den Pausen. Freies Spielen und Langeweile seien „sehr förderliche Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen, besonders für ein gesundes Gehirnwachstum“. Die „Medien-Diät der 90er-Jahre“ sei „erheblich gesünder für Kinder“ gewesen, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Eine digitale Dauerberieselung berge das Risiko, dass Kinder verlernen, echte Interessen aufzubauen: „Wenn alles mit einem Wisch oder Klick wie von Zauberhand sofort da ist, wird zwar die kindliche Ungeduld befriedigt, aber nicht die kindliche Neugier“, sagt Bleckmann.

Schule wie in den 90ern? Hamburger Gymnasium hat Smartphone-freie Klassen

Was Horbach aus den 1990ern beschreibt, hat das Gymnasium Wentorf bei Hamburg in seinem Pilotprojekt „Smartphonefreie Klasse“ in die Gegenwart zurückgeholt. Dort wurden alle Kinder, die nach Absprache mit den Eltern erst zur siebten Klasse ein eigenes Smartphone erhalten sollten, in eigene Unterstufenklassen aufgeteilt. Die ursprüngliche Idee: So soll verhindert werden, dass einzelne Kinder sich ausgeschlossen fühlen, während andere längst digital miteinander vernetzt sind.

„In der smartphonefreien Klasse herrschte eine konzentrierte und aufmerksame Unterrichtsatmosphäre“, erklärt Alexandra Schweiger, Orientierungsstufenleiterin und enge Begleiterin des Projekts, der Frankfurter Rundschau. Zwar lasse sich laut Schulleitung noch nicht eindeutig sagen, ob allein der Smartphone-Verzicht dafür ausschlaggebend sei, doch das Konzept scheine die Rahmenbedingungen spürbar zu verändern.

Es ist nicht nur die Konzentration im Klassenzimmer, die von dem Verzicht profitiert. Laut Schweiger liegt der größte Vorteil des Pilotprojekts in der Gesamtentwicklung der Kinder: „Kinder lernen sich erst im analogen Raum kennen und lernen, Probleme zu bewältigen, bevor sie dies in Chatgruppen auf digitale Weise tun“, erklärt sie. Gerade nach dem Wechsel von der vierten in die fünfte Klasse, wenn sich neue Klassengemeinschaften bilden, sei dieser direkte, persönliche Kontakt entscheidend. Statt sich in WhatsApp-Gruppen zu verlieren, sprechen die Kinder miteinander auf dem Schulhof und in den Pausen.

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