Donnerstag, 2. Juli 2026

Einser-Wunder an Bayerns Gymnasien

München
– Am vergangenen Freitag herrschte an den bayerischen Gymnasien Jubelstimmung. Die Abiturzeugnisse wurden verliehen, an vielen Schulen gab es die besten Schnitte der Geschichte. 2,12 ist die neue Bestmarke am Gymnasium Geretsried, 2,0 die am Anne-Frank-Gymnasium Erding, 2,02 die am Gymnasium Schongau, sogar 1,91 waren es am Lise-Meitner-Gymnasium Unterhaching. Es hagelte Einser-Abiture. Neun von 96 Abiturienten in Unterhaching schafften die Traumnote 1,0. Am Viscardi-Gymnasium Fürstenfeldbruck hat fast jeder Zweite eine 1 vor dem Komma, die Schulleiterin staunte: Das toppe „alles bisher Erreichte“. Am Ludwig-Thoma-Gymnasium Prien am Chiemsee schlossen 20 der 87 Abiturienten besser als 1,5 ab, sechs davon mit 1,0. 
Weitere Topwerte, willkürliche Auswahl: Neun Schüler und Schülerinnen am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting haben eine 1,0 erzielt. Am Josef-Effner-Gymnasium Dachau haben 35 der 133 Abiturienten eine 1,5 oder besser.

Bayernweiter Schnitt herausragend
Die starken Ergebnisse vor Ort spiegeln sich bayernweit wider. Mit 2,13 fällt der Abiturschnitt der rund 30.000 Abiturienten im Vergleich zu den letzten zehn G8-Abijahrgängen (Schnitt 2,25) deutlich besser aus, berichtet das bayerische Kultusministerium. Früher waren die Ergebnisse sogar noch schlechter, 2006 zum Beispiel lag der Schnitt bei 2,43. Weitere Details, etwa die Zahl der 1,0-Abiture, hat das Ministerium bisher nicht. „Darüber hinausgehende Auswertungen werden nach erfolgter Plausibilisierung bis August vorgenommen und zur Unterstützung der Qualitätsentwicklung im Herbst der Schulaufsicht zur Verfügung gestellt“, heißt es auf Anfrage.
Die Resultate und vor allem die Einser-Schwemme versetzen Experten aber jetzt schon ins Grübeln. Ein Grund für die Bestleistungen, sagt Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands (BPV), sei schlicht ein Jahr Lernzeit mehr – also 13 statt bisher zwölf Schuljahre. Dafür hatte der Philologenverband auch lange gekämpft. Darüber hinaus gebe es aber Faktoren, die der Analyse bedürften, sagt Schwägerl. Man müsse, so heißt es in der Pressemitteilung des BPV vorsichtig, genau prüfen, wo die Abiturprüfungen „gegebenenfalls nachjustiert werden“ müssten.

Schüler profitieren von „Neuerungen“, sagt Ministerium
Das Ministerium gibt in seiner Bilanz erste Denkanstöße: Schüler hätten „von den Neuerungen bei der Wahl der Abiturprüfungsfächer profitiert“, heißt es darin. So habe rund ein Drittel der Abiturienten in Deutsch oder Mathematik eine mündliche (statt schriftliche) Prüfung abgelegt. Diese Quote bestätigt für das Fach Deutsch auch Michaela Trinder, Schulleiterin am Unterhachinger Gymnasium. Sie sagt: Der Wechsel von schriftlich zu mündlich „war im G8 nicht möglich.“ Eine ungeschriebene Faustformel ist jedoch, dass die Ergebnisse besser werden, je stärker mündliche Komponenten in einer Prüfung gewichtet werden. „Die Stärkung des Mündlichen führt zu besseren Leistungen“, bestätigt Philologenverbandschef Schwägerl. Schulleiter weisen auch daraufhin, dass Schüler bei geschickter Fächerwahl Deutsch oder Mathe als Abiprüfungsfach ganz vermeiden können.
Noch eine Neuerung gibt es im neuen G9: Schüler können zwei Abifächer aus demselben Aufgabengebiet wählen, also etwa Biologie und Physik oder Geschichte und Politik & Gesellschaft. Auch das könnte zu besseren Noten geführt haben. Insgesamt könne die Prüfung „stärker auf das individuelle Profil der Schüler“ zugeschnitten werden, sagt Boris Hackl, Leiter des Gymnasiums Gröbenzell. Er gibt zu bedenken: Der Wechsel vom G8 zum G9 sei „ein Systemsprung“, ein Vergleich nicht ohne Weiteres möglich.

Die Leistungen will niemand schlecht reden
Die Leistungen der Abiturienten abwerten möchte niemand. „Wir hatten einen außergewöhnlich engagierten Jahrgang, leistungsorientiert und sehr zuverlässig“, sagt Direktorin Trinder über ihre Abiturienten. In der Mitteilung des Ministeriums werden die Schüler als „auffallend starker und motivierter Jahrgang“ gelobt. Doch sollen die Ergebnisse von Expertenteams im Ministerium evaluiert werden, die Schulen vor Ort müssen Rückmeldung geben. Verbandschef Schwägerl wirft die Frage auf, wie denn herausragende Leistungen künftig noch identifiziert werden können. Anders gesagt: Wenn alle Einser haben, wie findet man dann die Besten der Besten?

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