Auch nach 32 Jahren kann ich mir keine schönere Aufgabe denken, als junge Menschen zu bilden und in ihnen echte Begeisterung zu wecken für Literatur und Musik. Ich leite an meiner Schule einen Chor mit 150 Kindern. Das ist einer der größten Schulchöre des Landes. Das schaffe ich trotz der Digitalisierung und der Tatsache, dass viele Kinder und Jugendliche nach der Schule sofort zum Zocken an ihren Computer wollen. Es kommen freiwillig sogar einige ehemalige Schüler, auch noch 15 Jahre, nachdem sie die Schule verlassen haben.
Zweimal im Jahr veranstalte ich ein großes Schulkonzert. Alle Altersklassen von zehn bis 35 Jahren sind dann auf der Bühne, strahlen, jubilieren. Da denke ich wirklich jedes Mal, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe. Das sind Glücksgefühle, wenn man mit Jugendlichen und Kindern kreative Projekte realisiert, wenn sie auf der Bühne in eine andere Welt eintauchen, tanzen und sich selbst vergessen für eine gewisse Zeit. Ich bin oft so gerührt, dass ich Tränen in den Augen habe. Eigentlich immer.
Das überträgt sich, auch auf die Eltern. Nach einem großen Sommerkonzert kam eine kleine Zehnjährige zu mir und fragte mich: „Wissen Sie, was meine Mama nach dem Konzert gesagt hat? Kind, ich habe deinen Papa nur zweimal im Leben richtig weinen sehen. Einmal bei Omas Tod. Und einmal gestern beim Konzert.“
Beim Friedenskonzert vor den Sommerferien haben wir „Wozu sind Kriege da?“ von Udo Lindenberg gesungen. „Keiner will sterben, das ist doch klar. Wozu sind denn dann Kriege da? Herr Präsident, kannst’ mir das mal erklären? Keine Mutter will ihre Kinder verlieren und keine Frau ihren Mann.“ Ein kleiner Zwölfjähriger sang mit seiner betörenden Stimme das Solo abwechselnd mit dem Chor. In unsere Aula passen 700 Zuhörer. Die waren allesamt ergriffen.
Und dann sagen die Schüler: Also, ich will mal ein Haus haben, mit Garten, eine Familie, ein Auto, ein Bankkonto und gut Urlaub machen können. Und dann frage ich: Und was noch? Und dann blicke ich immer in verständnislose Gesichter. Ich unterbreche dann den Unterricht, und wir sprechen die nächsten drei Stunden übers Leben. Und ich verdeutliche ihnen, dass es sehr spießbürgerlich und egoistisch ist, seine Lebensideale auf diese Dinge zu reduzieren. Man muss ja sehen, welche Missstände es in der Welt gibt, und schauen, dass man etwas verändern kann.
Anfangs sind die Schüler sehr erstaunt, dass es noch mehr geben soll, als ein wohlhabendes Leben zu führen. Aber nach diesen drei Stunden beginnen sie anders zu denken über die Ungerechtigkeiten der Welt, die Hungersnöte, die Kriege und ökologischen Schwierigkeiten. Ich merke wirklich, dass sich in den wenigen Stunden die Sicht der Schüler auf die ganze Welt verändert und sie sich charakterlich entwickeln. Manchmal frage ich mich, warum Kollegen die Möglichkeit verschenken, in dieser Weise Einfluss zu nehmen. Die Eltern wollen es meiner Einschätzung nach oftmals gar nicht.
Der Trugschluss vom Ganztag als Lösung
Es geht mir mitnichten um Macht über die Kinder, sondern darum, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass das Wort Altruismus – in uneigennütziger Weise etwas für andere zu tun – wieder jeder Heranwachsende kennt und nicht nur das Gegenteil: Egoismus. Eine altruistische Haltung lebe ich den Schülern vor. Ich selbst lade sie nach jeder Probe auf ein Magnum-Eis ein (das sind 300 Eis jede Woche!) und fahre lieber einen ziemlich verrosteten 37 Jahre alten Wagen, auf den auch einige Schüler mir große bunte Herzen geklebt haben mit guten Wünschen für die Zukunft.
Die Schülerschaft hat sich sehr verändert in den vergangenen 30 Jahren. Das ist ja eine bildungspolitisch gewollte Entwicklung. In den 70er-Jahren haben zwölf Prozent der Schüler Abitur gemacht. Im vergangenen Jahr war es ein Drittel. Es ist aber nicht so, dass der Mensch von Natur aus gleich ist, wie Rousseau mal propagierte oder vermutete, dass man alle, wenn sie nur gut genug gefördert werden, zum Erfolg und zu gleichen beruflichen Qualifikationen führen könnte. Bildungsbürgerkinder sind im Vorteil durch die Hilfen von zu Hause.
Aber daraus den Umkehrschluss zu machen, dass man nur die Schulzeit verlängern muss, in den Ganztag hinein, damit alle die gleichen Chancen haben, das funktioniert eben leider nicht. Die Landesregierungen stellen nicht genug Mittel zur Verfügung, sodass auch am Nachmittag eine individuelle Förderung durch qualifizierte Lehrkräfte möglich wäre. Die Behauptung, durch den Ganztag mehr Chancengleichheit zu gewährleisten, ist verlogen.
Heute habe ich also andere Kinder vor mir sitzen als vor 30 Jahren. Kinder, deren Eltern unbedingt wollen, dass sie Abitur machen, auch wenn die Leistungen in der Grundschule nicht danach aussehen. Viele Kinder sind überfordert. Um das zu kompensieren und damit nicht etwa 40 Prozent sitzenbleiben, wird das Niveau gesenkt. Heute macht rund ein Fünftel der Schüler ein Einser-Abitur. Das ist ja Wahnsinn, das gab es früher nicht. Sie sind aber nicht etwa heute schlauer. Im Gegenteil, man hat immer mehr Schwierigkeiten im Unterricht.
Mit der Einführung des Zentralabiturs in den Nullerjahren wollte man Vergleichbarkeit herstellen. Für die Korrektur der Klausuren verwendet man heute quasi eine Schablone, Individualität wird kaum mehr belohnt. Früher las man eben die Klausur durch, korrigierte die Fehler, schrieb etwas an den Rand, und dann war einem eigentlich klar, ob das eine Zwei minus war oder eine Drei plus. Heute muss man Punkte vergeben und hinterher sehen, dass es auch dem Eindruck, den man gewonnen hat als erfahrener Lehrer, entspricht.
Wurde das Thema noch einmal benannt, der Autor, die Jahreszahl, dann gibt es Punkte, obwohl das alles schon in der Aufgabenstellung steht. Wenn man einigermaßen richtig formuliert, es nicht zu viele sprachliche Fehler gibt, bekommt man wieder Punkte, und das führt dazu, dass es ziemlich schwierig ist, schlechte Noten zu schreiben. Gleichzeitig kommen besonders gute kreative Ansätze in diesem Punkte-Schema nicht vor, höchstens durch ein paar zusätzliche Bonuspunkte.
Eine Abiturientin mit Eins plus im Deutsch-Leistungskurs sagte mir kürzlich: „Ich werde Sie vermissen, Herrn Meier.“ Sie wusste nicht einmal, dass sie in der Anrede den Nominativ verwenden muss. Daraufhin konnte ich sie nur bitten, mir ihre künftigen Bewerbungen noch einmal zur Korrektur zuzuschicken.
Um weiterhin alle Kinder zu erreichen, gebe ich das Äußerste. Ich springe fast jede Stunde auf Tisch und Stühle. Etwa bei der Ballettmusik „Sacre du Printemps“ von Igor Stravinsky. Dieses expressionistische Werk hat bei der Uraufführung in Paris 1913 die Weltmusik beeinflusst, darin tanzt sich ein Mädchen zu Tode, um den Frühling zu beschwören. Thema und Musik provozieren noch heute. Fast jegliche Konvention wird darin über Bord geworfen, schrille Klänge werden exponiert, wilde Rhythmen, unregelmäßige Formen im Bereich der Metrik, ein riesiges Klangspektrum. Wenn meine Schüler das zum ersten Mal hören, sagen sie zögerlich, es klingt unruhig und wild.
Dann tanze ich dazu und singe, um die Schüler aus der Behäbigkeit zu locken. Natürlich analysieren wir das auch hinterher und gehen in die Tiefe. Aber sie sollen spüren, wie diese Musik elektrisieren kann, damals haben sich Fans und Kritiker im Publikum geprügelt. Auch viele Schüler heute können sich 113 Jahre später der Macht der Musik nicht entziehen.
Funken der Begeisterung zu entfachen
Leider gibt es eine große Anzahl Lehrer, die nicht mehr für ihren Beruf brennen und es nicht vermögen, in den Kindern einen Funken der Begeisterung zu entfachen. Ein Mädchen aus der Oberstufe sagte mir jüngst: „In den anderen Fächern sind die Lehrer genauso lahm wie wir selber!“ Dieses Feuer spüren einfach viele nicht, die heutzutage so ein knappes Bachelor-Master-auf-Punkte-Zählen-ausgerichtetes Studium ergreifen und die vielleicht nach G8 mit 23 Jahren Referendar sind und angesichts der verkürzten Referendarzeit mit 24/25 Jahren vor der Klasse stehen.
Eine Lehrerpersönlichkeit entwickelt sich von selbst über die Begeisterung für das Fach. Das A und O ist die fachliche Expertise, diese muss fundamental sein und unangreifbar. Man muss hoch über den Dingen stehen, und dann kann man sich dem Pädagogischen viel besser widmen. Aber das ist eben nicht mehr der Fall, wenn man nur acht Semester studiert. Die Bologna-Reform 1999 war ein großer Fehler. Es darf in einem Lehramtsstudium nicht um Schnelligkeit gehen! Früher waren Lehrer ja die Granden in ihrem Fach. Das ist heute längst nicht mehr so.
Viele Kollegen werden Lehrer, weil sie sich pragmatische Vorteile versprechen: Beamtenstatus, drei Monate im Jahr Ferien. Heute studiert niemand mehr 16 Semester wie ich damals. Zudem wird schon an der Universität zu sehr auf die Beziehungsebene zum Schüler und die Pädagogik gesetzt. Nein, dort muss es um das Fachliche gehen!
Große Mehrheit der Schulleiter beklagt fehlende Unterstützung durch Politik
Wenn man nur wegen der Annehmlichkeiten Lehrer wird, ist man rasch frustriert. Und das Klagen ist unter Lehrern schrecklich weit verbreitet über die Schüler, die Regierung, den Schulleiter, die Eltern und so weiter. Sie sind immer unzufrieden. Furchtbar! Ich gehe deswegen in den Pausen nie ins Lehrerzimmer. Es kommen ohnehin immer Kinder zu mir, die singen oder ans Klavier möchten.
Mehrfach hat man mir angeboten, Schulleiter zu werden. Das habe ich jedes Mal abgelehnt. Ich habe nicht Literatur und Musik studiert, um einen administrativen Posten zu bekleiden. Ich will unterrichten!
Ich kann nur jedem jungen Menschen empfehlen, Lehrer zu werden, wenn er enthusiastisch ist für junge Menschen und für sein Fach. Als Lehrer macht man im Grunde das, was Sokrates und Platon schon vor knapp 2500 Jahren gemacht haben: die Seelen der Schüler im kritischen Gespräch auf den rechten Weg lenken.
Ich würde in den künstlerischen Fächern Musik, Kunst, Darstellendes Spiel, die Zensuren ganz abschaffen. Wichtig ist nur das Aufkeimen der Kreativität. Mein Fachleiter sagte damals schon, die schlechteste Note, die er je vergeben hat, sei eine 3. Ich denke heute genauso und vergebe fast nie eine schlechte Note.
Meine Kraft ist ungebrochen. Ich habe schon einen Antrag gestellt, dass ich nicht mit 67 Jahren in Pension gehen, sondern weiter unterrichten möchte. Bislang dachte ich, es wäre lediglich bis 70 Jahre möglich. Aber kurz vor den Sommerferien ist diese Grenze wegen des starken Lehrermangels gefallen. Ich kann also weitermachen bis 75, 80! Ich möchte mein Leben ja einsetzen für das, was mich begeistert: Kunst, Musik, Kinder, Jugendliche.“

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