Mittwoch, 16. September 2026

„Nichtstun zu attraktiv“: Jobvermittlerin rechnet mit Azubi-Generation ab – Landrat zeigt Abgründe auf

Lieber Bürgergeld als Lehre: Die Mitarbeiterin eines Jobcenters schildert erschreckende Missstände. Sie fordert von der Politik, was ein SPD-Landrat bereits praktiziert.
Berlin/Nordhausen – Zehn Prozent der 20-bis 24-Jährigen in Deutschland haben weder eine Lehrstelle noch Arbeit – das gab das Statistische Bundesamt vor wenigen Wochen bekannt. Innerhalb von vier Jahren ist der Wert der erwerbslosen jungen Leute rasant gestiegen: 2022 hatten 8,8 Prozent weder Job noch Lehrstelle, jetzt sind es bereits zehn Prozent. Immer mehr Jugendlichen gelinge der Übergang von Schule in Ausbildung und von Ausbildung in Arbeit nicht mehr, lauten die Warnungen.
Eine Jobcenter-Mitarbeiterin, die täglich versucht, junge Menschen in Arbeit zu bringen, fordert jetzt im Interview mit der Welt ein Eingreifen der Politik: Junge Leute, die sich weigern, eine Ausbildung zu machen, müssten zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet werden. Die Jobvermittlerin blieb zum Schutz ihrer beruflichen Position anonym, als Arbeitsort wird ein Jobcenter in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen angegeben.
Die brisante Schilderung der Jobvermittlerin lautet: Ein Teil der Jugendlichen entscheide sich bewusst gegen eine Lehrstelle. Denn: „Die aktuelle Alternative des Nichtstuns ist zu attraktiv.“ Die Politik müsse mit härteren Gesetzen einschreiten, fordert sie: Die Wahl zwischen einer Lehre und Nichtstun dürfe es nicht mehr geben. Wer keine Ausbildung absolviere, „darf nicht weiter ohne Gegenleistung Sozialleistungen beziehen“, kritisiert sie. „Aktuell verspüren die Jugendlichen keinerlei Druck.“

SPD-Landrat verpflichtet junge Bürgergeld-Bezieher zu Ein-Euro-Jobs
Dass solche Zustände nicht hingenommen werden müssen, beweist Matthias Jendricke (SPD), Landrat des Thüringer Landkreises Nordhausen. Er lässt Bürgergeld-Empfänger unter 25 Jahren für einen Euro pro Stunde zum Dienst in der Kommune antreten.
In seinem Landkreis war ebenfalls die Jugendarbeitslosigkeit gestiegen, während Betriebe keine Lehrlinge fanden, schilderte er dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Der Landrat hörte sich um und bekam im Jobcenter zu hören: Einige Bürgergeld-Bezieher würden offen zugeben: „Ich will gar nichts machen, ich will einfach nur Bürgergeld.“ Bei seinen Mitarbeitern im Jobcenter hätte sich „Resignation“ breitgemacht.
Der SPD‑Landrat startete daraufhin ein Projekt, das bundesweit für Schlagzeilen sorgte: Bürgergeldempfänger unter 25 Jahren wurden zu gemeinnütziger Arbeit in den Kommunen verpflichtet, wenn sie keinen nachvollziehbaren Grund haben, warum sie nicht arbeiten oder eine Lehre machen. Wer nicht freiwillig erschien, bekam Besuch vom kommunalen Vollzugsdienst.
Allerdings: „Schon bei Starts des Projekts zeigte sich eine Herausforderung bei der Mitwirkung der Jugendlichen“, teilte eine Sprecherin des Landratsamtes unserer Redaktion jetzt mit. 68 Jugendlichen wurde eine Arbeit zugewiesen, fünf davon mit Migrationshintergrund. Mehr als die Hälfte der Angeschriebenen weigerte sich jedoch komplett oder teilweise, für das Bürgergeld eine Gegenleistung zu erbringen. 26 jungen Leuten davon wurde das Bürgergeld daraufhin um 10 bis 30 Prozent gekürzt, in drei Fällen läuft noch die Anhörung.

Bürgergeld nur mit Gegenleistung: Bilanz bei Vermittlung in Lehrstellen ernüchternd
Nach Ende des Pilotprojekts fiel die Bilanz in Bezug auf die Vermittlung in Lehre ernüchternd aus: Eine Sprecherin des Landratsamtes Nordhausen teilte am Dienstag (13. September) unserer Redaktion mit, dass drei der ursprünglich 68 Jugendlichen des Projekts zum 1. September 2026 eine Ausbildung begonnen haben. Sieben weitere junge Leute stehen nun in einem anderen Arbeitsverhältnis. In dem thüringischen Landkreis läuft nun ein Nachfolgeprojekt, das Bürgergeldbezieher zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert – diesmal allerdings ohne Altersbeschränkung. Auch die Stadt Pirmasens in Rheinland-Pfalz reagierte mittlerweile auf hohe Jugendarbeitslosigkeit mit Pflichtarbeit für junge Bürgergeldempfänger.
Erfolgreicher war SPD-Landrat Jendricke mithilfe seines Projekts darin, Bürgergeld-Betrügern auf die Spur zu kommen. Denn als Sozialarbeiter und kommunaler Vollzugsdienst die Wohnungen der Arbeitsverweigerer aufsuchten, erlebte man eine Überraschung: „Wir haben bei sechs Leuten festgestellt, dass sie dort gar nicht wohnen und sie die Wohnung von uns trotzdem bezahlt bekommen“, schilderte Jendricke unserer Redaktion. Diesen sechs Bürgergeldbeziehern wurden ihre Sozialleistungen vollständig gestrichen.

Jobcenter-Mitarbeiterin schildert „falsche Erwartungs- und Anspruchshaltung“ bei Azubi-Generation
Die Job- und Ausbildungssuche bei jungen Menschen scheitert aber nicht nur daran, dass manche partout nicht arbeiten wollen. In der Welt schilderte die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur, dass es oft auch eine „völlig falsche Erwartungs- und Anspruchshaltung“ bei den jungen Leuten gebe. In der Pflege, Gastronomie oder dem Baugewerbe habe man reichlich Ausbildungsplätze, diese Berufe würden aber oft als „schmutzig oder zu anstrengend“ wahrgenommen. Lehrstellen zum Immobilienmakler und Bankkaufmann seien dagegen beliebt – notwendige Voraussetzungen seien bei den Bewerbern aber oft bei weitem nicht vorhanden.
Viele Jugendliche, die ins Arbeitsleben starten wollen, hätten außerdem keine Vorstellung davon, wie man beim Arbeitgeber einen guten Eindruck hinterlässt. „Wir erleben das regelmäßig bei Speeddating-Tagen der Kammern und der Arbeitsagentur, dass die Bewerber vollkommen unpassend angezogen sind, nicht die Hand schütteln oder keinerlei Blickkontakt suchen“, berichtete die Jobcenter-Expertin.

Manche Lehrlinge fehlen wochen- oder monatelang unentschuldigt
Im Ausbildungsalltag setze sich das fort: Unentschuldigtes Fehlen, Konfliktunfähigkeit und Kommunikation nur über WhatsApp seien keine Einzelfälle. Manche Auszubildende würden wochen- oder sogar monatelang unentschuldigt fehlen und betrachteten das als normal. Die Arbeitsagentur-Mitarbeiterin macht dafür vor allem das Schulsystem verantwortlich: „Begriffe wie Leistung und Disziplin haben nicht mehr den Stellenwert, den sie bräuchten. Es ist ein bisschen wie eine Verhätschelungskultur.“ Mit Nationalität oder Herkunft hat das Problem ihrer Erfahrung nichts zu tun. Es sei „mehr die generelle Wohlstandsverwahrlosung, die alle betrifft, dass in Deutschland keine Leistung mehr eingefordert wird“.
SPD-Lendricke zog aus dem Projekt in seinem Landkreis gegenüber unserer Redaktion jedenfalls eine klare Schlussfolgerung: Die verbreitete Annahme, dass rund ein Prozent der Bürgergeldbezieher Totalverweigerer seien, sei schlicht falsch. „Das sind viel mehr“, ist er sich sicher. Es werde nur zu wenig kontrolliert. (Quellen: eigene Recherche, Statistisches Bundesamt, Die Welt, frühere Berichterstattung) 

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