Margret Rasfeld sagt, das Schwerste sei es, die Haltung der Lehrer zu verändern. „Sie haben in ihrer Ausbildung gelernt, zu belehren, zu bewerten, zu disziplinieren. Jetzt sollen sie auf einmal begleiten, vertrauen, nicht mehr ergebnis-, sondern prozessorientiert denken.“ Das erfordere einen inneren Haltungswandel. Aber es gebe heute tolle Fortbildungsformate, vom Lehrer zum Lernbegleiter.
Rasfeld ist 75 Jahre alt, aber noch Vollzeit im Einsatz. Neun Jahre lang leitete sie die Evangelische Schule Berlin Zentrum und prägte ein vielbeachtetes Innovationskonzept. Das Motto lautet „Ich kann!“ statt „Du sollst!“ Die Kinder lernen in der Gemeinschaftsschule weitgehend selbstorganisiert.
Es gibt keinen Frontalunterricht, keine Klassenzimmer, keine Klassenarbeiten. Es gibt „Lernbüros“, den „Marktplatz“ und „Gelingensnachweise“ mit verbalen Beurteilungen. Noten gibt es erst ab Klasse neun. Kritiker sind skeptisch und vermissen klare Strukturen und Leitplanken. Doch die Abiturienten der Evangelischen Schule, die mit dem Anerkennungspreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet wurde, liegen jedes Jahr deutlich über dem Berliner Durchschnitt. „40 Prozent der Schüler in der Oberstufe haben gar keine Gymnasialempfehlung, und doch gibt es durchgängig einen Abiturschnitt von 1,7/1,8“, sagt Rasfeld und ist überzeugt: „Wir brauchen eine friedliche Bildungsrevolution.“
Gemeinsam mit dem Neurobiologen Gerald Hüther gründete sie die Initiative „Schule im Aufbruch“. Seither zieht sie durchs Land und begleitet Schulen, die ihr Konzept umstellen wollen, regt an, hält Vorträge, hört sich die Sorgen von Schülern an und feilt mit Schulleitern an Konzepten. „Wir haben bereits mehrere Hundert Schulen zum Umdenken inspiriert, auf das selbstorganisierte und projektbasierte Lernen umzusteigen“, sagt Rasfeld. „Das alte Schulsystem bereitet noch zu oft auf Anpassung und Konkurrenz vor, obwohl die Zukunft Menschen braucht, die kooperieren, Verantwortung übernehmen und kreativ Lösungen entwickeln können.“
Immer lauter wird der Ruf nach einem radikalen Umbau des deutschen Schulsystems. Schüler klagen über Druck und Bulimie-Lernen, bei dem der Stoff auswendig gelernt wird, um ihn später auszuspeien und wieder zu vergessen. Und nicht nur Kinder und Jugendliche hadern mit der Schule. Es gibt zu wenig junge Menschen, die Lehrer werden wollen. Das Problem zeigt sich zudem im kontinuierlichen Leistungsverfall. Bereits seit Jahren verringern sich die Kompetenzen der Grund- und Mittelstufenschüler.
„Es muss sich also etwas verändern“, sagt Raphaela Porsch, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Vechta in Niedersachsen. „Immer mehr Schulen erkennen, dass sie mit dem klassischen Unterricht, in dem alle zur gleichen Zeit etwas lernen, nicht mehr weiterkommen.“ Porsch zitiert den IQB‑Bildungstrend 2024. Darin hatten 34 Prozent der Schüler den Mindeststandard in Mathematik verfehlt.
Vom kommenden Herbst an wird sie ihre Studenten auf innovative Lehrmethoden vorbereiten und das Zertifikat „Lernbegleitung als Haltung und Praxis“ anbieten. Die angehenden Lehrer sollen zu diesem Konzept forschen, Porschs Seminar über die selbstorganisierte Lernkultur absolvieren und einen Praxisblock an einer reformorientierten Schule machen. „Es gibt mehrere Schulen in Niedersachsen, die ihren Lernalltag umgestellt haben, in denen die Schüler in Lernbüros lernen“, sagt Porsch, „das Wort ,Unterricht‘ gibt es dort nicht mehr.“
„Gelingensnachweise“ sind vorgesehen
Sie erklärt das Konzept: Lehrer geben ihren Schülern einen Input, die Schüler sehen sich Videos an und bearbeiten Aufgaben an ihrem Schreibtisch zum neuen Thema selbstständig. So schafft sich die Lehrkraft zeitliche Ressourcen, sich mit einzelnen Schülern zusammenzusetzen, Dinge zu erklären und zu üben. Die Kinder arbeiten allein oder helfen einander. Im „Lernbüro“ darf man aber nur flüstern. Wer miteinander sprechen möchte, geht auf den „Marktplatz“, wo die Kinder zusammenarbeiten oder sich ausruhen können. Die Idee ist, dass die Schüler selbstorganisiert ihr Lernen und ihren Schultag gestalten.
Eine bestimmte Anzahl von „Gelingensnachweisen“ müssen sie im Jahr abschließen. Wenn diese misslingen, können sie wiederholt werden. Einmal die Woche haben die Kinder ein Lerncoaching, in dem der aktuelle Stand besprochen oder an Lernstrategien gefeilt wird.
Starren die Schüler in ihrem Büro nicht Löcher in die Luft bei so viel Freiheit? „Die Kinder, die ich beobachtet habe, waren fleißig am Arbeiten“, sagt Porsch. Zwar sei das Konzept von Schulentwicklern und Pädagogen mehrfach ausgezeichnet worden, erforscht sei es allerdings kaum. „Es gibt noch wenig Evaluationen zu diesem Unterrichtskonzept.“
Gerade schreibt die Erziehungswissenschaftlerin an einem Forschungsantrag, um herauszufinden, ob das „Lernbüro“ ein nachhaltiges Konzept für deutsche Schulen ist. „Man unterscheidet in der Forschung Top-down- und Bottom-up-Prozesse. Dieses Unterrichtskonzept ist ein Bottom-up-Prozess, es wurde von Lehrkräften selbst entwickelt und nicht in der Wissenschaft“, sagt Porsch. „Grundsätzlich finde ich wichtig, wenn es eine Haltung gibt, dass wir etwas an unserem Unterricht und damit auch in der Lehrerbildung verändern müssen.“
Auch 50 Schulleiter, Didaktiker und Forscher, die im vergangenen Jahr den Deutschen Schulpreis verliehen haben, sind der Ansicht, viel Selbstbestimmung der Kinder führe zu besseren Leistungen. Die Berliner Maria-Leo-Grundschule gewann den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis für ihr herausragendes Konzept. Die Grundschule sei ein Vorzeigemodell für zeitgemäße Schulentwicklung. Auch hier ist das Konzept darauf ausgerichtet, den Kindern ihr eigenes Tempo zu lassen.
„80 Prozent der Schüler wissen selbst, wo sie gerade stehen und was sie brauchen“, sagt Schulleiterin Sandra Scheffel. „Wir versuchen, uns nicht unter Druck setzen zu lassen, wenn ein Kind das nicht im vorgesehenen Zeitraum schafft.“
Erste Evaluationen geben ihr recht. Ihre Drittklässler schnitten im vergangenen Jahr bei den bundesweiten Vera-Vergleichsarbeiten zwar nicht brillant ab, aber sie waren besser als der Durchschnitt der deutschen Schüler insgesamt, wie Stichproben zeigen. Im Lesen etwa erreichten 50 Prozent der Kinder den Regel- bis Optimalstandard, während es bundesweit nur 42 Prozent waren.
„Kinder und Jugendliche leisten mehr, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, eigene Fragen verfolgen und erleben, dass ihr Lernen Bedeutung hat“, sagt Rasfeld. Der „Frei Day“ ist ihre jüngste Idee. An einem Tag in der Woche sollen Kinder fächer- und jahrgangsübergreifend lernen, indem sie Lösungen für Probleme in ihrem direkten Umfeld suchen. Sie hat schon Anhänger für ihre Idee gefunden. „Ganz Troisdorf in NRW mit 16 Schulen will das Konzept des ‚Whole School Approach‘ Schritt für Schritt einführen, nach dem sich die Schule ganzheitlich verändern soll“, sagt Rasfeld. „Ganz Bad Segeberg in Schleswig-Holstein mit 65 Schulen hat Interesse bekundet.“
Und vor zwei Monaten sei die Schulaufsicht Zwickau auf sie zugekommen. Neun von zwölf Schulen wollen auch dort innovative Lernformate einführen, erzählt sie: „Meine Vision ist es, eine begeisternde, wertschätzende Lernkultur in allen Schulen zu etablieren.“

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