Sonntag, 18. Januar 2026

„Von Kartoffeln und Kanaken“

Vor knapp sieben Jahren hat die Lehrerin Julia Wöllenstein ein Buch mit dem provokanten Titel „Von Kartoffeln und Kanaken“ veröffentlicht, in dem sie analysiert, warum Integration im Klassenzimmer scheitert. Haben Politik und Gesellschaft seitdem dazugelernt? Hierzu ein Interview der SZ mit Wöllenstein

SZ: Frau Wöllenstein, Sie unterrichten an einer Gesamtschule in Kassel die Klassen fünf bis zehn. Wie viele Nationen gibt es an Ihrer Schule? 

Julia Wöllenstein: Im vergangenen Jahr waren 39 unterschiedliche Staatsangehörigkeiten vertreten. Ich soll ihnen Englisch beibringen, obwohl manche noch nicht mal richtig Deutsch können. 

Hat sich seit dem Erscheinen Ihres Buches etwas verändert? 

Ich war naiv. Ich dachte, wenn man den Politikern mal darstellt, was die Herausforderungen für die Integration an Schulen konkret sind, dann wird es leichter, sie politisch anzugehen. Was ich nicht bedacht hatte: Es gibt gar keinen politischen Willen, diese Probleme zu lösen. 

Warum haben Sie diesen Eindruck? 

Meine Schüler haben keinen Anwalt. Die Politik, die an Schulen betrieben wird, machen Eltern aus dem Bildungsbürgertum für Eltern aus dem Bildungsbürgertum. 

Integration ist eines der erklärten Ziele der Bundesregierung. In der Stadtbild-Debatte präzisierte Friedrich Merz: Nicht Menschen mit Migrationsgeschichte seien das Problem, sondern jene, die schlecht integriert sind und sich nicht an Regeln halten. Genau da könnte Schule doch ansetzen.

Ja, aber das Problem wird nicht angegangen, weil das äußerst schmerzhaft für die Mehrheitsgesellschaft wäre. Man müsste die bildungsnahen und die bildungsfernen Kinder so gut mischen, dass man alle mitzieht. Aber wenn es um das eigene Kind geht, will niemand Experimente machen. Es ist schon ziemlich verlogen, wenn man einerseits „Refugees welcome“ ruft und andererseits das eigene Kind nicht in eine Klasse mit zu vielen eingewanderten Kindern schickt. 

Bildungsministerin Karin Prien hat kürzlich über Quoten für Kinder mit Migrationshintergrund nachgedacht. 

Eine bessere Durchmischung und ein früher Kontakt zwischen den Kindern würden eine gesamtgesellschaftliche Bildungsverbesserung bewirken, davon bin ich überzeugt. So etwas am Reißbrett zu entwerfen, finde ich allerdings sehr schwierig. An meiner Schule haben wir viele Kinder, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber vor ihrem ersten Schultag kein Wort Deutsch gesprochen haben. Es reicht also nicht, auf den Pass zu schauen. Es gab einmal einen Versuch in Berlin, wo versucht wurde, die Einzugsbereiche einer Grundschule so zu verändern, dass eine bessere Mischung erreicht wird. Aber die bildungsnahen Eltern der Mehrheitsgesellschaft, die das geschnallt haben, sind auf die Barrikaden gegangen. 

Halten Sie eine Quote denn für zielführend? 

Die Frage ist doch: Wen soll ich integrieren – etwa die fünf deutschsprachigen Kinder, die in meiner Klasse sitzen? Wir haben hier deutsche Schüler, die sich einen Migrationshintergrund erfinden, um dazuzugehören. Eine Quotenregelung klingt nicht unlogisch, aber man kann Kinder ja nicht mischen wie Spielkarten. Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Umstrukturierung unserer Städte, indem man Wohngebiete aufbricht und durch Anreize dafür sorgt, dass Menschen umziehen und sich Wohngebiete anders durchmischen. Der frühe Kontakt muss im Kindergarten beginnen. 

Sie schildern in Ihrem Buch teils schockierende Erlebnisse. Da fordert ein Schüler Sie auf, ihn zu schlagen, wenn Sie wollen, dass er auf Sie hört. Hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert? 

Für uns war Corona eine Zäsur, unsere Schüler wurden deutlich stärker abgehängt als viele Kinder aus der Mehrheitsgesellschaft. Wir hatten schon immer Schüler, deren Eltern das Konzept Schule nicht ganz verstanden haben, oft weil sie selbst gar nicht zur Schule gegangen sind. Die wissen nicht, dass sie ihre Kinder morgens rechtzeitig wecken, ihnen ein Frühstück hinstellen oder Stifte und Hefte kaufen sollten. Entsprechend haben wir Schüler, die während des Unterrichts einfach aufstehen und gehen. Das kommt seit Corona deutlich häufiger vor. Immer häufiger fehlen Grundschülern basale feinmotorische Kenntnisse, diese Kinder haben nie geknetet, geschnitten, gemalt, können nicht rückwärtsgehen. Wir haben auch immer weniger Kinder, die in der fünften Klasse altersgerecht lesen und schreiben können. 

Wie erklären Sie sich das? 

Es hat unterschiedliche Ursachen, eine davon ist, dass an den Grundschulen immer mehr auf freie Arbeitsformen gesetzt wird, auf Lerntheken und selbstbestimmtes Arbeiten oder auch auf mediengestützten Unterricht mit Tablets. Für Kinder aus unstrukturierten Elternhäusern ist das nicht das Richtige. 

Wie bringen Sie Kinder, die sich schwertun, dazu, im Unterricht konzentriert zu bleiben? 

Man muss sie eigentlich die ganze Zeit beschäftigen, sie wach und fokussiert halten. Ich setze gerne kleine Whiteboards ein, die funktionieren wie Schiefertafeln: Man stellt eine Frage, die Schüler notieren ihre Antwort mit Folienstift und heben das hoch. Als Lehrer muss man Entertainer sein. Dieses Credo von wegen, jedes Kind müsse die Dinge in seinem eigenen Tempo machen, das halte ich für Quatsch: Wir Lehrer geben die Struktur und die Regeln vor. Wenn wir es nicht tun, macht es der Mobber in der Klasse. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie seien oftmals nicht nur Lehrerin, sondern auch Therapeutin und Erziehungsberaterin. 

Kinder funktionieren über Bindung, die haben Lust zu lernen, wenn sie die Lehrerin cool finden oder weil sie sich bei jemandem gut aufgehoben fühlen. Manchmal habe ich das Gefühl, der Unterricht selbst ist der kleinste Teil unserer Aufgabe. Wir gehen mit den Kindern ins Theater, ins Museum, auf Klassenfahrten – und sei es nur, um ihnen unterschiedliche gesellschaftliche Räume zu zeigen und wie man sich dort benimmt. 

Welche Herausforderungen haben Ihre Schüler da? 

Wenn jemand aus einem Kulturkreis stammt, in dem Männer und Frauen nicht gleichberechtigt sind, dann muss ich als Lehrerin dafür einstehen, dass es in unserer Gesellschaft anders läuft. Dann hat auch ein Junge den Boden zu fegen, wenn er Ordnungsdienst ist. Die Kinder müssen lernen, auf mich zu hören, auch wenn ich eine Frau bin, oder dass Gewalt kein probates Mittel der Konfliktlösung ist. Und geduzt werde ich auch nicht. 

Was ist mit dem Lernerfolg der leistungsstärkeren Schüler? Viele Eltern fürchten, dass die auf der Strecke bleiben, wenn Sie sich als Lehrerin so viel um basale Dinge des Zusammenlebens kümmern müssen. 

Wenn in einer Klasse nur ein, zwei lernstarke Kinder sind, dann leiden die. Man kann nur einen gewissen Anteil lernschwacher Kinder stemmen, ohne den Lernerfolg der anderen zu vermindern. Ideal wären jeweils ein Drittel lernschwache, ein Drittel mittlere und ein Drittel lernstarke Kinder. Reden wir von einer Klasse, in der auch noch Kinder mit Einschränkungen in der geistigen Entwicklung sind, dann sollte es eher nur ein Viertel lernschwache Kinder sein. Ich hatte zuletzt eine Klasse mit 15 Kindern auf Hauptschulniveau, einem kompletten Analphabeten und drei Kindern mit geistigen Einschränkungen. Und dieser Klasse sollte ich Englisch beibringen. 

Wie sieht so eine Englischstunde aus? 

Sehr kleinschrittig. Die Schüler begrüßen mich, dann setzen sie sich hin, und ich stelle einen Wecker: fünf Minuten Zeit, sich die Vokabeln für diese Stunde abzuschreiben. Dann frage ich, welche deutschen Wörter sie nicht verstehen und erkläre sie. Anschließend schauen wir zum Beispiel einen kurzen Film zum Thema der Stunde. Danach frage ich, was sie verstanden haben und gehe dann in die Übungsphase. Es ist fast unmöglich, dabei dem Analphabeten und den Kindern mit geistiger Beeinträchtigung gerecht zu werden. Wir schaffen circa 50 Minuten, dann können die Kinder nicht mehr, und wir machen ein Quiz oder spielen eine Runde Ball. 

Welche konkreten Veränderungen an den Schulen wünschen Sie sich? 

Eine Unterrichtseinheit sollte maximal 60 Minuten dauern, Blockstunden von 90 Minuten sind für viele Schüler nicht zu schaffen. Kleinere Klassen, auf jeden Fall. Mehr Sozialarbeiter an den Schulen, auch Schulkrankenschwestern sind absolute Erfolgskonzepte. Eine Schulpsychologin für all die traumatisierten Kinder, die zu uns kommen. Wichtig fände ich auch eine Öffnung der Schulen in die Stadtteile hinein: vormittags Unterricht, nachmittags nutzen die Kinder die Angebote von Musikschule, Sportvereinen, Museen und auch Betrieben, etwa um Praktika zu machen. Privatschulen würde ich abschaffen, genau wie das Unterstufengymnasium. Stattdessen Sprachförderung für Kinder, die Unterstützung benötigen, außerhalb des Unterrichts und ab der ersten Klasse. 

All das kostet viel Geld. 

 Das momentane System kostet viele Kinder die Chance auf einen guten Platz in der Gesellschaft. Dass das am Ende insgesamt teurer ist, steht außer Frage.

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