Sonntag, 22. März 2026

„Gymnasien sind die neuen Hauptschulen“

Immer mehr Schülerinnen und Schüler gehen nach der Grundschule aufs Gymnasium. Der ehemalige Lehrerpräsident Josef Kraus sieht darin einen „Akademisierungswahn“. 

Es ist nur ein DIN-A4-Blatt, oft hinter einer Klarsichtfolie versteckt, doch sein Inhalt entscheidet über Biografien. In diesen Wochen halten tausende Viertklässler in Deutschland ihre Übertrittsempfehlung in den Händen. Nahegelegt wird ihnen darauf immer häufiger der Weg aufs Gymnasium. Das liege aber nicht daran, dass die Kinder hierzulande immer schlauer werden, sagt der langjährige Bundeslehrerpräsident Josef Kraus. Er hält die Übertrittszeugnisse für vollkommen überbewertet und warnt im Gespräch mit dem Münchner Merkur vor einem „Gymnasial- und Akademisierungswahn“.

Im Übertrittszeugnis vermerken Lehrer, welche weiterführende Schule für ein Kind geeignet ist. Die Regeln hierfür wurden in den vergangenen Jahren deutschlandweit kontinuierlich gelockert, sagt Kraus. „Nur in Bayern gibt es noch einen Notenmindestdurchschnitt.“ Der Richtwert fürs Gymnasium liegt im Freistaat aktuell bei 2,33 in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht (HSU), das dient als grobe Orientierung. In Ausnahmefällen ist der Übertritt auch mit einem schlechteren Schnitt nach erfolgreichem Probeunterricht möglich. Alle anderen Bundesländer verzichten auf konkrete Anforderungen. „Da ist dann der Elternwille, oft der Elternehrgeiz, völlig freigegeben. Manche wollen der Empfehlung nicht glauben.“ Viele Eltern sehen das Gymnasium offenbar als einzige erstrebenswerte Schulform.

Übertrittszeugnis steht an: Immer mehr Kinder gehen aufs Gymnasium - „Irrglaube“

Die Statistiken belegen diesen Trend. Wie im aktuellen Bildungsbericht nachzulesen ist, wechseln in Deutschland 45 Prozent der Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. Laut amtlicher Schulstatistik des Statistischen Bundesamts für das Schuljahr 2023/24 gehen 11,1 Prozent auf eine Realschule und 17,7 Prozent auf eine Integrierte Gesamtschule. Die in den vergangenen Jahren vielerorts abgeschaffte Hauptschule besuchen immer weniger Schülerinnen und Schüler – nur noch 6,3 Prozent wählten diese Schulform. Wie die Kultusministerkonferenz mitteilt, ist das Gymnasium auch auf der Klassenstufe 8 die dominierende Schulform.

Das war nicht immer so. 2001 empfahlen Grundschullehrkräfte 29,3 Prozent der Viertklässler für das Gymnasium, 35,7 % für die Realschule und 34,9 % für die Hauptschule, heißt es bei der Hans-Böckler-Stiftung. Es handelt sich hier nur um die Daten für die Empfehlung, dennoch scheint die Realschule früher eine größere Bedeutung gehabt zu haben.

Seit Anfang der 2000er-Jahre hat die Mehrheit der Bundesländer eigenständige Haupt- und Realschulen aufgelöst und durch kombinierte Schularten ersetzt, hinzu kam eine statistisch belegbare Verschiebung hin zu mehr Schülern auf dem Gymnasium. Kraus erkennt dahinter einen „Akademisierungswahn“ – und den „Irrglauben, man bräuchte in Deutschland immer mehr Akademiker“. Diese Auffassung spiegle sich auch bei den Eltern wider. „Nach dem Motto: Mein Kind hat ohne Abi und Studium keine Chance“, sagt Kraus. „Und die Politik macht diesen Wahn gefälligkeitspolitisch mit, indem sie den Zugang zum Gymnasium erleichtert.“

Das Gymnasium habe nach wie vor ein besseres Image als jeder andere Weg – mit Folgen. „Die Gymnasien sind die neuen Hauptschulen.“ Zu viele Schülerinnen und Schüler seien „eigentlich nicht fürs Gymnasium geeignet und auf anderen Schulformen besser aufgehoben“. Beim Blick auf die Zahlen fällt zudem auf: Die Abidurchschnittsnoten werden immer besser, auch in Bayern.

Widerspricht sich das nicht mit den offenbar ungeeigneten Gymnasiasten? Nein, meint Kraus. „Die Ansprüche sind stark gesunken. Man kann nicht sagen, dass die Schüler einfach besser geworden sind. Mit den guten Noten wird ihnen vorgegaukelt, dass sie mehr drauf hätten, als sie es wirklich haben. Zeugnisse sind damit zum Teil ungedeckte Schecks.“

Übertrittszeugnis nach der vierten Klasse: „Die sind da überfordert“

Die Entscheidung „Gymnasium oder andere Schule“ könnten Kinder im Grundschulalter – in der 4. Klasse sind sie in der Regel neun oder zehn Jahre alt – laut Kraus gar nicht selbst treffen. „Die sind da überfordert“, meint Kraus. „Sie wollen meist auf die Schule, auf die die besten Freunde gehen.“ Manche fordern daher, den Übertritt zu verschieben. Grüne und Linke machten in der Vergangenheit immer wieder entsprechende Vorstöße. Die Münchner Linke-Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke etwa forderte eine „Schule für alle“, wie sie im Interview mit unserer Redaktion betonte. „Das bedeutet, dass die Schüler nicht nach der vierten Klasse aufgeteilt werden.“

Kraus sieht darin nur eine Verschiebung der aktuellen Problematik. „Nach der sechsten Klasse zum Beispiel wird es nicht leichter mit der Einschätzung“, meint Kraus, der von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes war und als Gymnasialdirektor und Schulpsychologe gearbeitet hat. „Am Ende der 6. Klasse sind die jungen Leute in der Vorpubertät, auch da kann man keine eindeutige Prognose abgeben.“

Für die Zukunft wünscht sich Kraus einen neuen Blick auf die Bildungslage im Land. „Wenn ein Kind nicht in der 5. Klasse im Gymnasium anfängt, ist damit ja nicht die ganze Bildungsbiografie verbaut“, sagt Kraus. „Unser Schulsystem ist ja horizontal und vertikal unglaublich durchlässig.“

Auch ohne Abitur stünden Wege zur Fachhochschule oder anspruchsvolle berufliche Ausbildungen offen – etwa als Existenzgründer im Handwerk. Man müsse Kinder und Eltern besser informieren. Konkret: Bei den Informationsabenden müssten neben den Vertretern der weiterführenden Schulen auch Sprecher der beruflichen Schulen und der Kammern mit dabei sein. „Sie müssen den Eltern vor Augen führen, was es da an tollen Möglichkeiten gibt und dass der Nichtzugang zum Gymnasium keine Katastrophe ist. Im Gegenteil.“ 

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