Hamburg – „Warum müssen wir das überhaupt noch lernen? Mit Künstlicher Intelligenz geht es doch sowieso schneller“, habe ein Schüler zu einer Lehrkraft gesagt. Im Onlineforum Reddit berichtet die Lehrkraft, die offenbar Mathematik unterrichtet, dass viele Jugendliche infrage stellen, warum sie Kopfrechnen oder das Rechnen mit dem Taschenrechner noch üben und beherrschen müssen.
Andere Lehrerinnen und Lehrer teilen in den Kommentaren des Beitrags, wie sie auf solche Fragen reagieren. Sie warnen die Jugendlichen, dass es mehr brauche, als Rechnungen einfach in einen KI-Assistenten wie ChatGPT oder Gemini einzugeben. „Wenn KI euren Job machen kann, wird KI euch auch eines Tages ersetzen“, erzählte eine Lehrkraft ihren Schülern und Schülerinnen.
Professorin: Jugendliche sollten Ergebnisse in Mathematik überschlagen können
Eine weitere Lehrkraft machte ihren Schülerinnen und Schülern deutlich, dass es im Matheunterricht nicht nur ums Lösen von Gleichungen gehe, sondern um Problemlösefähigkeiten. Kinder und Jugendliche „müssen lernen, ihr Gehirn zu benutzen und fundierte Entscheidungen zu treffen“.
Wie lässt sich Mathematik heute noch sinnvoll vermitteln? Laut der Mathematikerin und Professorin für Mathematikdidaktik Susanne Prediger ist das keine neue Frage. Bereits Mitte der 1970er-Jahre wurden in ersten Schulen Taschenrechner eingeführt, flächendeckend verbreitet waren sie seit den 1980er-Jahren. „Schon damals wurde diskutiert, welche Rechnungen Lernende denn dann überhaupt noch von Hand können müssen“, sagt Prediger der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Heute multipliziere im Alltag kaum noch jemand zwei dreistellige Zahlen schriftlich – der Taschenrechner übernimmt das. „Algorithmen wie das schriftliche Wurzelziehen, die sind vollkommen verschwunden. Wichtiger ist heute zu verstehen, was Wurzelziehen bedeutet, und wie man überprüft, ob eine Zahl wirklich die Wurzel ist“, so Prediger.
Ein gewisses Niveau an Rechenfähigkeiten sollten aber nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Erwachsene beherrschen, betont die Expertin. Vor allem dann, wenn es darum gehe, „die Größenordnung der Ergebnisse überschlagen zu können, damit ihnen Tippfehler beim Taschenrechnergebrauch auffallen“. Reine Rechenfertigkeiten seien weiterhin nicht vollständig verzichtbar – denn ohne eigenes Rechnen verstünden Menschen nicht, was die Maschinen tun. Jugendliche müssten nicht zu Rechenmaschinen ausgebildet werden, sondern sie sollten die Maschinen „mit Verständnis und guten Strategien“ bedienen können.
Prediger plädiert dafür, dass sich auch Prüfungen an die neue Lernrealität anpassen. „Das Abitur sollte Aufgaben enthalten, in denen man zeigt, dass man digitale Werkzeuge für anspruchsvolle Probleme nutzen kann“, sagt sie. Entscheidend sei, dass Schülerinnen und Schüler mathematische Konzepte verstehen – nicht nur Formeln anwenden. Gleichzeitig brauche es weiterhin einen hilfsmittelfreien Teil, also Aufgaben ohne Taschenrechner oder Software. „Nur so lässt sich prüfen, ob Lernende grundlegende Rechenwege auch selbst beherrschen“, so die Mathematikdidaktikerin.
Mathematikerin: Es braucht mathematisch gebildete Menschen
Was sollten Jugendliche also aus dem Matheunterricht mitnehmen? Eine KI könne im Gegensatz zu Computeralgebrasystemen inzwischen auch Textaufgaben zum Teil richtig lösen, erklärt Prediger. „Bei komplexeren Situationen braucht es aber weiterhin die kluge Person, die vorgibt, was überhaupt gerechnet werden soll, also mathematisch gebildete Menschen.“ Gerade in einer Welt, in der Computer den Menschen vieles abnehmen könnten, sei es wichtig, Computern gegenüber kritikfähig zu bleiben und Ergebnisse auf Plausibilität prüfen zu können. Der Umgang mit Zahlen und Zusammenhängen werde in vielen Alltags- und Berufssituationen immer wichtiger.
„Moderner Mathematikunterricht soll befähigen, sich davon nicht einschüchtern zu lassen, sondern Berechnungen kritisch prüfen zu können: Kann das stimmen?“, so Prediger. Die Professorin betont, dass sie es deshalb begrüßt, wenn Schülerinnen und Schüler nachhaken und fragen, warum Matheunterricht noch wichtig ist. „Das sollten Lehrkräfte nicht als Arbeitsverweigerung sehen, sondern als ehrlichen Wunsch, sich auf die komplexe Welt von morgen richtig vorzubereiten.“

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