Mittwoch, 21. Januar 2026

Neuropsychologe warnt vor „schweren Folgen“ eines niedrigeren Bildungsniveaus

Politikerinnen, Eltern und Pädagogen diskutieren Leseschwächen von Viertklässlern aus benachteiligten Familien und schlechte Pisa-Ergebnisse. Studien zeigen, dass die Kompetenz in der deutschen Sprache unter Kindern und Jugendlichen abnimmt. Textkürzungen und Infoboxen in Goethes „Faust“, schriftliches Dividieren vom Grundschullehrplan streichen – es wirkt, als würden Schulen sich schleichend an ein niedrigeres Bildungsniveau anpassen. 
„Höchst bedenklich“, findet der emeritierte Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, Jäncke. Denn: „Das Prinzip unseres Gehirns lautet: ‚Use it or lose it.‘ Wenn wir die Anforderungen immer weiter senken, verlieren wir auf lange Sicht wichtige Fähigkeiten“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Er sieht Schulen, vor allem Gymnasien „nicht nur als Wissensvermittler, sondern eher als eine Art Brain-Gym“, in dem man auch mal an einem Text verzweifeln muss, denn das Gehirn brauche Training. „Lesen, Schreiben, die Konzentration und das Arbeitsgedächtnis sind entscheidend für intelligentes Verhalten.“ Wer Texte nicht mehr selbst lese und selbst zusammenfasse, verliere die Fähigkeit dazu. Der Neuropsychologe glaubt, dass zu viel Hilfen (KI, Übersetzungsprogramme und Co.) und digitale Ablenkungen uns auf Dauer zu einer Spaßgesellschaft machen. „Das betrifft Erwachsene genauso wie Schüler. Aber bei Letzteren ist der Frontalkortex, der für Aufmerksamkeit zuständig ist, bis zum 18. Lebensjahr eben noch nicht vollständig entwickelt, weshalb es schwere Folgen hat.“ 
In den Kommentaren unter Jänckes Linkedin-Beitrag sprechen manche Nutzer und Nutzerinnen von einem „Alptraum“ und einem „Niedergang der Bildung“. 

Literaturwissenschaftlerin erklärt, was das Besondere an alten Klassikern ist 
Denise Ney, Lehrerin und Diversitätstrainerin aus Berlin, fragt sich, wo Klassiker außerhalb eines Leistungskurses Deutsch heute noch in Gänze gelesen werden. Ihrer Meinung nach reicht es völlig, Auszüge davon im Original zu lesen, um ein Gefühl für Sprache und Ausdruck zu bekommen. „Gerade Jugendliche, deren Erstsprache nicht deutsch ist oder die eine Legasthenie haben, würden besser einbezogen, wenn der restliche Inhalt in leichter Sprache vermittelt würde.“ 
Franziska Bergmann, Professorin für Germanistik und deutsche Literatur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hält eine vereinfachte Version von Goethe oder Schiller in solch einem Förderkontext für angemessen – „an Gymnasien jedoch nicht“. Diese sollten die Aufgabe haben, Schüler an komplexere Gegenstände heranzuführen. „Dazu gehört, dass ein Umgang mit komplexen Texten erlernt wird, nicht etwa, dass komplexe Texte im Unterricht gemieden werden“, sagt Bergmann. Das Besondere an alten Texten sei ja gerade ihre Machart, ihre Wortwahl, der Satzbau, der Rhythmus. Das gehe verloren, wenn Stellen gekürzt würden. Außerdem mache es die Klassiker nicht attraktiver für Schüler und Schülerinnen, glaubt sie. Das passiere eher durch interessante Zugänge – etwa durch eine vergleichende moderne Lektüre, Musik oder auch mal ein lustiges Social-Media-Video. „Wäre es nicht eine Option, im Unterricht vergleichend eine Goethe’sche Version und eine vereinfachte Version des Faust zu lesen?“, fragt sie. Das würde unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden und das allgemeine Niveau nicht senken.

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